Britische Gärten

Kreuzfahrt ins Grüne

Mit dem Luxusliner rund um die britischen Inseln – kann es etwas Aufregenderes geben? Oh ja! Zwischendurch an Land gehen und sich den Farben, Düften und Klängen der schönsten Gärten auf den Stationen hingeben. 

Vor der offenen verandatür der kabine liegt das Meer: endloses, lichtes Grau, das den frühen Morgen spiegelt. Der Himmel färbt sich im ersten Sonnenlicht zu einem Bild aus brennendem Orange und klarem Blau. In der Ferne heben sich dunkle, ovale Berge wie Buckelwale aus dem Meer: die felsigen Vorläufer der Orkney’s. Vor Mainland, der größten der 70 Orkney-Inseln, wird die „MS Europa“ Anker werfen, eine von zehn Stationen, an denen wir während unserer 16-tägigen Reise Halt machen.Von Hamburg aus führt sie u. a. nach Südengland, Irland, Schottland – zu den schönsten Gärten der Welt. 

In seinem Morgengruß informiert Kapitän Hagen Damaschke über Wellen,Wind und Wetter. „Hier vereinen sich Nordsee und Atlantik. Künftig wird es bewegter zugehen“, kündigt er an.Am Abend zuvor bei der Eröffnungsgala absolvierte er mit Charme seinen Höflichkeitsmarathon. Begrüßung der 338 Passagiere an Bord. Foto links, Foto rechts, Small Talk mit Gästen, die schon das fünfte oder zehnte Mal an Bord sind. Dann das Vorstellen der Crew und eine kleine Rede mit Schmunzeleffekt: „Warum ich zur festgelegten Uhrzeit meine Uniform wechsele? Damit die Gäste wissen, wie spät es ist.“ Berliner Akzent kommt durch.Alle mögen ihn. Er sieht aus wie der junge John Travolta.

Gleich nach dem Frühstück, das auf dem überdachten Lido-Deck gereicht wird, setzen Tenderboote über nach Kirkwall, Hauptstadt von Mainland. Die Bustour ins schottische Highland führt durch weit gestreckte, hügelige Wiesen.Mit ihren Tausenden Schafen sehen sie aus wie weiß bestickte Decken. Die Straße führt höher und sie verdunkeln sich: Heidelandschaft, kurz vor der Blüte. Wie aus dem Nichts, halb verdeckt von einer Kalksteinmauer, taucht ein Anwesen auf – Kierfiold-House. Der Besitzer Mr. Smith führt uns stolz durch sein kleines Paradies.

Seine Frau, in Arbeitshose und Gummistiefeln, schafft mit der Schubkarre Unkraut fort. Das Ehepaar bewirtschaftet den 900 Quadratmeter großen Garten selbst. Die Stauden, ohne erkennbare Ordnung nebeneinander gesetzt, sind mit ihrem Duften und Leuchten ergreifend in der Kargheit dieser Umgebung.Altrosa Mohn, über niedrigen blauen Büschen Storchschnabel, Gruppen orangefarbener Fackellilien neben Floxhorsten in jeglichem Rot. Und prachtvolle silbrige Disteln, vor denen die leicht vibrierenden Gräser noch zarter erscheinen. Inmitten des Gartens eine verblichene Bank – Platz zum Entspannen. „Oh nein“, sagt Mr. Smith, „wenn wir entspannen wollen, fahren wir in die Stadt ins Kino.“ Am abfallenden Ende des Gartenrechtecks hohe, vom Wind malträtierte Baumgerippe – schön wie Skulpturen. Nichts Designtes hier, nichts als ein wunderschöner Countrygarden.

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Autor:
Holde-Barbara Ulrich