Das Land rund um Neapel

Italiens steile Flanke

Große Gegensätze prägen das Land rund um Neapel. Eine Reise zu grünen Oasen der Antike, an Orte, wo die italienische Lebensart blüht, und in ein bergiges Land voll herber Schönheit.

Nein, wo sie den wilden Spargel gefunden hat, will die Frau nicht verraten. Ein ganzes Büschel trägt sie in der Hand. Sie muss ihn irgendwo da oben gepflückt haben, auf dem Gipfel des Capo Miseno, einem 169 Meter hohen Felsen am nordwestlichen Ende des Golfes von Neapel. Es ist einer der einsamsten Orte in der dicht besiedelten Gegend rund um Neapel. Die Natur ist Mitte März längst erwacht. Auf einem vor einigen Jahren restaurierten Pfad geht es die steile Flanke hoch, rundherum blüht und grünt der Frühling, der sich wie Sommer anfühlt. Der Blick schweift über das tiefblaue Meer, die Silhouetten der Inseln Capri und Ischia zeichnen sich ab, im Nordosten erhebt sich mächtig der Vesuv. 

Vor zwei Jahrtausenden lebten hier reiche Römer in riesigen Villen, unter ihnen der Flottenkommandant Plinius der Ältere, der 79 nach Christus beim Ausbruch des Vesuv ums Leben kam. Heute finden sich verstreut ein paar Einfamilienhäuser, deren Bewohner die Ruhe und Abgeschiedenheit dieses einmaligen Fleckens Erde besonders schätzen dürften. Die Spargelsuche auf dem dicht bewachsenen Plateau des Felsens bleibt ergebnislos, der intensive Duft blühenden Ginsters an diesem paradiesischen Ort unvergesslich. Ein schmaler Streifen verbindet Capo Miseno mit dem Festland, die Bucht bildete einst den wichtigsten Kriegsund Handelshafen Roms. 

Das gegenüberliegende Puteoli (heute Pozzuoli) war ein bedeutendes Handelszentrum. Dazwischen lagen die Thermen von Baiae (heute Baia), in denen sich die feine Gesellschaft verlustierte. Hier entfl oh man der Enge der Großstadt Rom und genoss extravaganten Luxus im ländlichen Ambiente. Und manchmal den Nervenkitzel: „Es besteht zwischen Neapolis und den weitläufigen Feldern von Dikaiarchia ein Ort tief unten in der Talsenke, benässt von den Gewässern Villa, deren Ursprünge bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. zurückgehen.

Kurvenreich führt die Straße weiter nach Massa Lubrense und Termini, vorbei an Olivenhainen, das Meer immer im Blickfeld. Zu Fuß geht es auf einem Schotterweg durch Wald und bezaubernde Gärten, die Insel Capri ist zum Greifen nah. Die Vegetation wird karger, bis der Weg an einem mittelalterlichen Wachturm endet, nach dem der südlichste Punkt des Golfes von Neapel benannt ist: Punta della Campanella. Hier wurde einst die Alarmglocke geschlagen, wenn die gefürchteten Schiffe sarazenischer Sklavenjäger an der Küste auftauchten.

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