Reise nach Norwegen

Im Reich der Riesen

Ein Massiv mit vierzig Zweitausender-Gipfeln, alten Weilern und unberührten Tälern: Im Herzen Norwegens liegt Jotunheimen, ein Winterparadies, von Dichtern verewigt und Sportlern geliebt.

André Sundero tischt als Hors d’oeuvre heiße Geschichten auf. Erzählt von den gigantischen Rentierherden, die den Menschen vor vielen Tausend Jahren überhaupt erst ins unwirtliche Gebirge lockten.Von dem alten Berghof, auf dem seine Großmutter Butter und Käse rührte,wo die Knechte von früh bis spät auf den Beinen waren und der Bauer das Geld einsackte. Erzählt, wie die nicht enden wollenden Winternächte von jeher die Phantasie beflügelten. Und immer dann, wenn die Gäste ihm gar zu treuherzig an den Lippen hängen, dann macht er ihnen weis, dass es oben am Gjendesee Höhlenmalereien gäbe, die nur im Winter sichtbar würden. Oder dass das Überkreuzen der Skier, oft genug Grund für Hals- und Beinbruch, eine lebenswichtige Funktion erfülle,weil es Trolle abschreckt.

Danach serviert der Gastherr das Abendessen im heimeligen, vom Duft des Kaminfeuers erfüllten Speisesaal des Hindsæter Fjellhotells: Schneehuhnsuppe, Lammschlegel mit Wurzelgemüse und zum Dessert „versteckte Bauernmädchen“ aus gekochten Äpfeln, Madeiracreme und Blätterteig – ein Menü anno 1898, dem Gründungsjahr des Hotels, gewürzt mit den Erzählungen des Hausherrn. Für einen Norweger ist André Sundero nämlich ausgesprochen temperamentvoll. Er spricht, oft sogar mehrere Sätze hintereinander, er lacht, und das mehrmals die Woche, und er bringt seine Gäste buchstäblich auf Touren: Viele Jahre schon durchstreift er als Führer den Nationalpark von Jotunheimen. 2004 hat er dann das Nostalgiehotel gekauft, das er mit seiner deutschen Lebensgefährtin Karola Wenzel betreibt.

Nie gehörte Stille

Wovon wir uns auf der Schneeschuhwanderung am nächsten Morgen überzeugen können. Ein Waldlauf mit Schuhgröße 114. Wie Yetis stapfen wir bergan, vorbei an Elchkuhlen und Schneehuhnspuren. Anfangs geht es querwaldein: Kiefern und Birken, Birken und Kiefern. Der Wald duftet wie ein Maleratelier, das Harz riecht nach Terpentin. Dann erklimmen wir den großen Buckel hinter dem Hotel (Berg wäre denn doch zu viel der Ehre) – und unser Blick streift weit übers Fjell, wie das karge Hochland oberhalb der Baumgrenze heißt, hinüber zum lang gestreckten Gjendesee, der wie ein Fjord im Gebirge klafft, und hinunter ins Tal der Sjoa (sprich: Schua, „die Glitzernde“), einen der letzten Wildflüsse Norwegens. Den stärksten Eindruck aber macht die Stille. Eine fast schmerzliche Lautlosigkeit, in der ein Geräusch zur Sensation wird. Jeder klirrend fallende Eiszapfen bricht die Stille entzwei. Das Zwitschern der Meise schrillt wie eine Trillerpfeife, der Schrei der Dohle dröhnt wie eine Fanfare.

Nachmittags durchstreifen wir auf Langlaufskiern die Schlucht der Sjoa, die sich wie eine Bobbahn abwärts schlängelt, von Fichten und Felsen gesäumt. Hier und da verlassene Gehöfte, verwilderte Almen, eine windschiefe Mühle.Wir folgen dem Flusslauf, trapsen mit angehaltenem Atem über Eisbrücken, um das Ufer zu wechseln. Es knirscht mal hohl, mal droht ein sachtes Bersten. Doch allmählich finden wir Zutrauen zum fremden Element und schießen am Ende kreuz und quer übers Eis, bei Rückenwind ohne Stockeinsatz, die Arme ausgebreitet, der Körper als Segel.

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