Kloster St. Johann im Val Müstair

Himmlische Ferien im Kloster

Nichts müssen, nichts wollen, sondern einfach nur sein: Im 1200 Jahre alten Kloster St. Johann im Schweizer Val Müstair finden die Gäste zu sich selbst. 

Alle Gäste sollen aufgenommen werden wie Christus, heißt es in den Weisungen des heiligen Benedikt. Fremde zu bewirten ist für die Klosterfrauen von St. Johann deshalb Gottesdienst – auch wenn ihre fromme Gastfreundschaft Grenzen hat. „Früher kamen die Gäste hierher, um billig Urlaub zu machen“, erzählt Schwester Pia, die dem Ordenshaus im Graubündener Val Müstair als Priorin vorsteht. Die hätten sich beim Essen mehrmals die Teller voll geladen. „Ich habe dann die Preise dem örtlichen Hotelniveau angepasst. Da waren wir sie los.“

So viel Weltlichkeit hätte ich nicht erwartet, als ich auf der Suche nach dem Sprechzimmer durch blitzblanke Flure geirrt war, klopfenden Herzens wie zu Zeiten der Klosterschule, als Verspätungen mit Schimpf und Schande geahndet wurden. Im klösterlichen Leben sei vieles nicht mehr, wie es war, erklärt Priorin Pia. St. Johann ist zwar noch immer ein geschlossenes Kloster, für dessen Wohn- und Arbeitsbereich die Klausur gilt. Die Zeiten, in denen sich die Schwestern hinter einem Gitter verbergen mussten, wenn Besuch kam, sind jedoch vorbei.

Auf Monate ausgebucht

„Wir sind Frauen aus einem anderen Jahrhundert, die sich um Weltoffenheit bemühen“, erklärt die Priorin. Das Surren des Mobiltelefons, das die Ordensfrau am Nachmittag aus dem Rosenkranzgebet in der Marienkapelle reißt, lässt allerdings ahnen, dass dies nicht immer nur von Vorteil ist. St. Johann gehört zu den über 300 Klöstern, die im deutschsprachigen Raum ihre Pforten für touristische Zwecke öffnen und Besuchern Zutritt gewähren. In der meditativen Atmosphäre der Sakralbauten finden stressgeplagte Stadtmenschen, was die Stätten der Gottesliebe von alters her auszeichnet: Abgeschiedenheit, Naturnähe, das Erlebnis von Zeit und Stille. Das Angebot stößt auf regen Zuspruch: Die Klöster sind auf Monate ausgebucht.

Auch im barocken Speiseraum von St. Johann ist heute jeder Platz besetzt. Pater Columban spricht das Tischgebet, reicht Fleisch- und Gemüseplatten herum, empfiehlt zum Nachtisch Anisguetzli, eine süße Spezialität aus der Backstube von Schwester Clara. Als Spiritual des Klosters ist Pater Columban nicht nur für die priesterliche Betreuung der zwölf Ordensfrauen zuständig. Auch das geistige Wohl der Gäste liegt ihm am Herzen: „Klöster sind Orte der spirituellen Besinnung. Wir stehen dafür, dass auch das Geistige im Leben des Menschen einen Platz braucht.“

Beatrice kommt seit Jahren ins Val Müstair. Zwei Wochen verbringt die Unternehmerin zurückgezogen mit Bergwandern und Lesen. Hin und wieder nimmt sie an den Chorgebeten der Benediktinerinnen teil. Zu Hause in Chur bekleidet die Schweizerin eine „sehr exponierte Position“. Im Kloster genießt sie die Anonymität und das Gefühl, „weit weg von allem“ zu sein. Franca, eine Journalistin aus Mailand, hat aus einem ganz anderen Grund die Zurückgezogenheit hinter Klostermauern gewählt: Sie möchte ungestört an ihrer Doktorarbeit schreiben. Eine 26-jährige Werbegrafikerin aus München schätzt das Benediktinerinnenhaus als idealen Ort, um allein Urlaub zu machen: „Man fühlt sich geborgen, wird freundlich aufgenommen und kommt mit interessanten Leuten ins Gespräch.“

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Autor:
Monika Schiffer