Genussreise in Österreich

Das Weinviertel

Nördlich von Wien erstreckt sich eine Landschaft sanft geschwungener Hügel und Täler. Dort wächst ein Grüner Veltliner, der mit seiner pfeffrigen Note die Spitzengastronomie bedient. Als Reisender kann man im Weinviertel noch auf Entdeckungstour gehen. 

Kennen Sie Polt? Simon Polt? Diesen Dorfpoli­zisten, der im nieder­ österreichischen Wein­viertel auf seine un­vergleichlich Stille, zu­ gleich aber hintergründige Art ermittelt? Alfred Komarek hat ihn sich ausgedacht. Oder besser gesagt: Er hat gut hingese­hen. Viele Wochen im Jahr verbringt der österreichische Autor in seiner Wahl­heimat zwischen Weinbergen, Presshäu­sern und Kellergassen. Von ihm lernt man schnell, dass Klischees in diesem atemberaubend schönen Landstrich nahe der tschechischen Grenze nicht viel taugen: „Wer erst einmal damit angefangen hat, den vielen Facetten dieser stets aufs neue erstaunlichen und berührenden Vielfalt nachzuspüren, steht am Beginn einer großen Reise mit kleinen Distanzen.“

Wir nähern uns dem Weinviertel über Krems von Süden her. Und erwarten neben Hügeln voller Reben romantisch dörfliche Betriebsamkeit – schließlich hat die Wein­ lese begonnen. Kurz vor der Stadt Retz, die im nordwestlichen Eck des Weinviertels liegt, macht sich Ratlosigkeit breit. Die Straßen sind wie leergefegt. Anstatt lieb­licher Plätze oder lauschiger Heurigen­ Lokale sehen wir vor allem eines: geschlossene Tore entlang der Dorfstraßen. Gab es eine Unwetterwarnung? Haben wir einen nationalen Feiertag übersehen? Hätten wir „Polt“ mal vor der Reise gelesen.

Vorsicht bei „Sturm“

In Retz angekommen, riegeln Feuer­wehrler gerade die Durchfahrt zum Marktplatz ab. Denn in der mittelalter­lichen Stadt mit ihren prächtigen Bürger­häusern findet alljährlich Ende Septem­ber das große Weinlesefest statt. Wir at­men auf. Der große Hauptplatz mit sei­nem dottergelben Rathaus rüstet sich für das abendliche Spektakel – Hotels und Unterkünfte im Umkreis sind so gut wie ausgebucht. Das lassen wir uns nicht ent­gehen. Neben den regionalen Schmankerln wie Kürbiskernöl und üppiger Weinverkostung müssen wir unbedingt den diesjährigen „Sturm“ probieren: ein hefetrüb gärender Traubenmost, der vom ersten August bis zum Ende des Lesejah­res ausgeschenkt werden darf. Er schmeckt süffig und ist leider stärker, als wir dachten.

Am nächsten Morgen blendet die Weinviertler Sonne am wolkenlosen Him­mel erbarmungslos. Tapfer laufen wir über die Kalvarienberggasse zur Wind­mühle hinauf – eine der letzten funkti­onstüchtigen in ganz Österreich. Auf dem Weg treffen wir eine junge Musikergrup­pe in Krachledernen und Dirndl. Wie auf Kommando stimmen sie einen Jodler an, wahrscheinlich haben sie heute schon vom „Sturm“ probiert. Auch sie wollen zur Mühle, weil es dort oben einen der schönsten Heurigen der Gegend gibt. Pet­ra und Helmut Bergmann, die Besitzer, betreiben auf den umliegenden Hügeln organisch­biologischen Weinan­bau. Sie haben für die Restaurierung der historischen Mühle Experten aus Holland geholt, weil es in Österreich niemand mehr gab, der dieses alte Handwerk beherrschte. Jetzt ist sie so etwas wie das Wahrzeichen von Retz geworden. Tatsächlich werden hier Weizen und Roggen gemahlen und zu wunderbarem Brot gebacken. Das probieren wir, zusammen mit geräucherter Rinderzunge. Diesmal ohne „Sturm“ und Heurigen, denn wir wollen noch ein gutes Stück Richtung Osten nach Poysdorf.

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Quelle:
Autor:
Tatjana Seel