Reise durch Polen

An Kaschubiens Küste

Auf Schloss Krokowa ging der Philosoph Johann Gottlieb Fichte spazieren, in Kaschubien spielte die weltberühmte „Blechtrommel“ von Günter Grass – zu Besuch bei Grafen, Denkern und Geistern.

Leise flüstert Jan mit Agnes auf Kaschubisch. Sie müssen ihre Liebschaft tarnen, vor Agnes’ deutschem Ehemann – und ihrem sonderbaren Sohn Oskar, dem Helden im weltberühmten Roman „Die Blechtrommel“ von Günter Grass. Der in Danzig geborene Literaturnobelpreisträger hatte eine kaschubische Mutter, und auch im wirklichen Leben gilt die „Geheimsprache“ von Agnes und Jan als eigene Sprache mit polnischen, slowinzischen, deutschen und friesischen Einflüssen.

Etwa 200 Kilometer westlich von Danzig erstreckt sich Kaschubien. Ein Landstrich an der Küste Polens mit unzähligen Seen, riesigen Wanderdünen – den höchsten an der Ostsee – und tiefen Wäldern, der jedoch lange sehr arm war. Das harte Leben am Meer hat sie geprägt, sagen die Kaschuben. Und ihre Geschichte: Mal gehörten sie zu Polen, dann wieder zu Preußen, die Schweden waren irgendwann da, und Holländer und Friesen gab es auch. So viel Unruhe macht misstrauisch. Deshalb sind die Kaschuben am Anfang zwar höflich, aber vielleicht nicht sehr offen. Erst wenn Reisende öfter herkommen, erleben sie, wie der Empfang von Mal zu Mal ein bisschen wärmer wird.

Schätze der Kaschubei

Ja, auch die Landschaft hier gibt sich manchmal sperrig: Wer sich Dörfer wie Schatzkästchen erträumt, wird mitunter enttäuscht sein von achtlos hingewürfelten Feriensiedlungen, den Spuren von Realsozialismus und des noch nicht alten Kapitalismus. Dabei, schwärmt eine junge Wahl-Kaschubin, sind die Sommer hier wie kaschubische Jazzmusik, eine Mischung aus Jazzelementen und hiesiger Folklore: Auf den Wiesen und Feldern schaukeln Mohnblumen, und die langen Zweige der Trauerweiden tänzeln im Wind. Wer sich auf ein anderes Sehen einlässt und sein mitgebrachtes – vielleicht auch westliches – ablegt, findet bald unvergleichliche Schätze.

Schloss Krokowa gehört zu diesen Schätzen. Ganz oben im Norden Kaschubiens liegt es, nur etwa fünf Kilometer vom Meer entfernt, das man dort noch riechen kann, wenn der Wind günstig steht. Auf einer künstlichen Insel, umgeben von einem Wassergraben, in dem sich seine goldgelben Fassaden spiegeln. Heute beherbergt das Gebäude, in seiner baugeschichtlich letzten spätbarocken Gestalt wiederhergestellt, ein Hotel mit Tennisplätzen. Das vorläufige Ende einer langen Historie: Vor über 700 Jahren verschlug es einen rheinischen Ritter mit dem Deutschen Orden hierher.