Wandern in den Alpen

Urlaub im Allgäu

Wenn unser Autor mal richtig durchatmen möchte, dann zieht es den im Schwarzwald lebenden Franken in die Berge des südlichsten und sonnigsten Zipfel Deutschlands – zum Wandern und Wohlergehenlassen.

Ludwig der Zweite wurde von seinen Kabinettssekretären wieder einmal verzweifelt gesucht. Er sollte dringende Dokumente signieren: Beförderungen, Begnadigungen, Verleihung von Titeln, Erhebung der Biersteuer – alltägliche Aufgaben für den Herrscher der bayrischen Provinzmacht im 19. Jahrhundert. Und wo steckte der exzentrische König?

Er hatte sich klammheimlich aus der Münchner Residenz in sein geliebtes Allgäu abgesetzt. Mit Lederhose und Trachtenjanker wie ein Mann aus dem Volke gekleidet, stieg der mit 1,93 Meter überaus stattliche Monarch über Kuhalmen auf den Säuling und betrachtete von dem felsbewehrten Hausberg Hohenschwangaus die Fortschritte beim Bau seines neuen Märchenschlosses Neuschwanstein. Oder er wanderte auf den Tegelberg, wo sein Vater schon eine Jagdhütte gebaut hatte. Versunken in die Texte seines Lieblingsdichters Schiller saß der Schöngeist dort stundenlang. In der „wonnigen Einsamkeit“ der Berge, im Gespräch mit einem einfachen Bauern fand der legendäre Bayern-König fernab vom höfischen Zeremoniell und den Hofschranzen zu sich selbst – bis die Gesandten ihn mit ihren Unterschriftenmappen aufspürten und in die Realität zurückholten.

Auf den Spuren des "Kini"

Mich suchen keine Kabinettssekretäre. Meine Unterschrift entscheidet zum Glück nicht über das Schicksal von Untertanen. Aber das eine und andere Packerl hab auch ich zu tragen. Deshalb geht's mir, wenn ich mal richtig durchatmen möchte, wie dem „Kini“: Da ist mir das Wohlfühlland Allgäu wie ihm „einer der schönsten Plätze, die es zu finden gibt“. Allein diese himmlischen Landschaften: Im Voralpenland wogen grüne Wiesen bis zum Horizont – gekrönt von den Zwiebeltürmen der Kirchen und den stolzen Bauernpalästen. Weiter im Süden erheben sich majestätische Gipfel. Darunter allein 35 über der für uns magischen Marke von 2500 Metern. In klaren Seen wie Alpsee oder Schwanensee spiegeln sich Märchenschlösser und prächtige Klöster. Und nicht nur in Städten wie Füssen oder Kempten sorgen begabte Musiker, Schriftsteller, Maler für ein vitales Kulturleben.

Tiefer in den Bergen findet man noch Plätze von stiller Ursprünglichkeit. Kaum 300 Menschen leben im Balderschwanger Tal, ein Paradies zu Füßen des Riedberghorns mit blumenübersäten Wiesen, sanften Bergen und der ungezwungen hindurchfließenden Bolgenach. Wegen seiner exakt an der Pfarrkirche St. Anton gemessenen 1044 Höhenmeter gilt der Hauptort Balderschwang als höchstgelegene Gemeinde Deutschlands. Und dies ist nicht der einzige Rekord, den Balderschwang für sich in Anspruch nehmen darf: Dem Klimawandel zum Trotz fallen im schneereichsten Ort den Winter über noch immer regelmäßig sieben bis acht Meter feinsten Pulvers. „Bayrisch Sibirien“ nennt Karl Traubel deshalb das Tal. Er ist zu der Despektierlichkeit insofern berechtigt, als er – obwohl man es dem drahtigen Mann kaum ansieht – vor 56 Jahren hier geboren wurde.

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Dieter Schweiger