Hotel in der Schweiz

Sommer im Berner Oberland

Auf der Kleinen Scheidegg im Berner Oberland haben Andreas und Silvia von Almen dem Hotel „Bellevue des Alpes“ neues Leben eingehaucht. Während im Tal die Hitze flirrt, genießen die Gäste hier oben die hochalpine Sommerfrische.

Die Drehtür schwingt den Gast ins Vestibül. Staunendes Zögern. Wo bin ich? Spielt die Höhe, der geringe Druck auf 2064 Metern der Wahrnehmung einen Streich? Man ist zurückversetzt in die Zwanzigerjahre.“ Kaspar von Almen beschrieb einst im Hotelprospekt exakt, was diesen Ort hier oben so einzigartig macht und für dessen Erhaltung Andreas und Silvia von Almen im vergangenen Jahr die Auszeichnung „Historisches Hotel des Jahres 2011“ bekamen. 

Dass diese Geschichte so endet, ist mindestens zwei glücklichen Umständen zuzuschreiben: den mangelnden Mitteln seiner Tante Heidi von Almen, die das Haus nach dem Tod ihres Mannes Fritz bis 1998 führte und für Renovierungsarbeiten, die in den Siebzigern andernorts für nachhaltiges Grauen sorgten, schlichtweg nicht genug aufbringen konnte. Und dass Andreas zum richtigen Zeitpunkt mit der richtigen Frau aufwartete. Denn die Tante hätte den ganzen Kasten 1998 um ein Haar an die Jungfraubahn verkauft. „Kommt doch mal herauf“, wies sie ihren Neffen im Mai desselben Jahres an. „Als am nächsten Morgen die Sonne Richtung Grindelwald direkt vor unserem Zimmer aufging, war die Entscheidung eigentlich gefallen“, erinnert sich Andreas von Almen.

Vom Pool aus auf den Eiger blicken

Natürlich erklärten ihn seine Freunde für verrückt – doch der Architekt dachte „Wellness heißt für uns, in einer der alten Badewannen zu liegen und auf den Eiger zuschauen.“ an die Einmaligkeit dieses Ortes, die Chance, dort oben in bester Lage ein Hotel zu führen, in dem er die ersten sieben Lebensjahre verbracht hatte und dessen gesamte Originalmöblierung noch vorhanden war. Die wenigen Zweifel seiner zukünftigen Frau Silvia, eigentlich Konzertflötistin aus Zürich, konterte er charmant: „Wenn du einen Haushalt führen kannst, kannst du auch ein Hotel führen.“

Am meisten freute sich Andreas’ Vater, Kaspar von Almen. „Drei Monate hat er akribisch Schlüssel sortiert!“ Danach räumten sie mit den verbliebenen Angestellten erst einmal auf und eröffneten im selben Winter: „Da war das Haus noch ein echter Freak-Kasten!“ Die Gäste schauten über die eingebauten Plastik-Nasszellen hinweg. Zu Silvester spielte, wie einst, ein Streichquartett, draußen lagen 13 Meter Schnee – und Andreas von Almen lernte die Tücken des Hauses kennen. Beispielsweise, welche Außenleitung man bei eisigen Temperaturen besser laufen lässt, damit sie nicht einfrieren.

In den folgenden Jahren renovierten von Almens Zimmer für Zimmer, originalgetreu und doch zeitgemäß. Die Wände bespannte ein Fachmann aus Luzern, vorzugsweise mit Toile de Jouy. Doppelfenster, Armaturen oder Korkböden blieben erhalten – als größtes Glück erwies sich der Badewannenfundus in den Remisen ums Haus. Nur weil die Entsorgung der gusseisernen Riesen extrem aufwendig gewesen wäre, hatten sie auf der Scheidegg überlebt. Andreas holte auch hier den entsprechenden Fachmann herauf, der jedes Stück hier oben von Hand neu emaillierte. „Wellness heißt für uns, in einer der alten Badewannen zu liegen und auf den Eiger zu schauen“, sagt Andreas. Bewusst verzichtet er auf Pool und Saunalandschaften. Man kann also abends nach dem Essen im Speisesaal mit fulmnantem Ausblick auf Mönch und Jungfrau getrost sitzen bleiben oder hinüber in die 20er-Jahre-Bar wechseln und einen echten Martini Cocktail schlürfen.

 

 

 

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