Leben in den Weinbergen

Hübsche Weinberghäuschen

Weinberghäuschen dienten ursprünglich als Wetterschutz und Gerätelager. Dann kamen die Gutsbesitzer auf den Geschmack und bauten in den Weinbergen rings um Heilbronn ihre prächtigen Sandsteinvillen in Miniatur nach. 

Kaskaden von nun schon nicht mehr sommergrünen Weinreben fallen von den Erhebungen aus Muschelkalk- und Buntsandstein zu beiden Seiten des Neckars und rhythmisieren so die steilen Uferhänge. Still schlängelt sich der Fluss dahin und schmiegt sich immer wieder an die Bahnstrecke an, die Stuttgart via Heilbronn mit Würzburg verbindet.

Kleine Ortschaften fliegen am Zugfenster vorbei, wie Besigheim, das sich damit brüstet, die Geburtsstadt eines Vorfahren von Barack Obama zu sein, oder Lauffen, in dem Friedrich Hölderlin zur Welt kam. „In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf / Zum Leben“, schrieb der Dichter über das Neckartal, doch an diesem Oktobermittag ist kaum etwas zu sehen von der „bläulichen Silberwelle“ des Flusses oder den „lieblichen Wiesen und Uferweiden“. Keine Spur auch von den „leichtatmenden Lüften“ und dem „goldenen Licht“ dieses Landstrichs, der es jedoch verdient hätte, Hölderlin-Land zu heißen. Stattdessen schweben vereinzelte Nebelschleier über dem seltsam düsteren Neckar, Überreste eines milchigen Dickichts am Vormittag.

Dem märchenhaften Anblick des „Nordheimer Schlössle“ auf einer kleinen Anhöhe oberhalb der Gleise aber kann das nichts anhaben. „Manchmal bleiben Spaziergänger mit offenem Mund stehen und bewundern das Haus. Ich bitte sie dann oft herein und zeige ihnen alles“, erzählt sein Besitzer Markus Feucht.

Vor dem Abriss gerettet

Das dreigeschossige Weinberghäuschen sieht aus wie ein Miniaturpalast: Eine als Loggia gestaltete Terrasse ziert die in blassen Rotgoldtönen schimmernde Fassade aus Heilbronner Sandstein, mit Hopfen bewachsene Bögen überwölben die Treppen, die durch den Hanggarten voller Spalierobst zum Eingang des Hauses führen. Gerade ist Weinlese, und zuvorkommend, wie es einfach seine Art ist, bewirtet Markus Feucht den Weinbergbesitzer und seine Helfer mit Schnaps – denn der Weinberg gehört nicht zum Haus. Dass dieses heute wieder so strahlend schön ist, ist nur der Familie Feucht zu verdanken, die es ebenfalls von ihren Spaziergängen kannte: Denn nach einem Brand im Dachstuhl sollte das verwaiste kleine Gebäude ohne Strom und fließend Wasser 2005 eigentlich abgerissen werden, die Gemeinde sah keine Verwendung mehr dafür. Bis in die 70er-Jahre hinein boten seine 80 Quadratmeter Fläche noch einer dreiköpfigen Familie ein Zuhause, danach stand es endgültig leer, diente, ein Stück weit außerhalb von Nordheim, höchstens noch als heimlicher Treffpunkt für feiernde Jugendliche.

Seite 1 : Hübsche Weinberghäuschen