Die Pfalz

Wald, Worscht un Woi

Sanfte Hügel, schroffe Felsen, dunkler Wald und lichte Weinberge prägen das Bild der Pfalz wie Burgruinen und idyllische Dörfer. Die Pfälzer waren Freiheitskämpfer für die Demokratie und Einheit Deutschlands. Sie leben begnadet – und feiern feste Feste.

Die Weltachs’ verläuft durch die Pfalz, fabulierte der Heimatdichter Paul Münch, ein Zeitgenosse meines Großvaters. Als Schulkinder Mitte der 60er-Jahre haben wir ihm geglaubt, unser Ausflugsziel, ein Felsblock auf dem kleinen Rossberg bei Hochspeyer, sei tatsächlich „der Punkt, wo alles sich drum dreht“. Schließlich waren die „Pfalzen“ einst Kaisersitze. Konrad hielt sich dort auf, der uns 1061 mit dem Dom zu Speyer ein Weltkulturerbe beschert hat. Und Barbarossa, der 1155 im Petersdom zum Herrscher des Heiligen Römischen Reiches gekrönt worden ist. All die Burgen, die wir aufWanderungen eroberten, sind Zeugen großer historischer Ereignisse: zum Beispiel die Hambacher Burg an der Weinstraße – auf ihr wurde 1832 der Grundstein für die Freiheit, Einigkeit und Demokratie in Deutschland gelegt. Nach 25 Jahren Hamburg, dem Tor zur Welt, kehre ich in mein Heimatdorf bei Kaiserslautern zurück – ins Herz der Pfalz. Keine andere Gegend weckt in mir so intensive Erinnerungen. An das Dunkel des Waldes, in dem die Elwetritsche Schabernack treiben. An den Geschmack frisch gepflückter Feigen. An die Weinlese und mein erstes Gläschen. Voller Erwartungen begebe ich mich auf Spurensuche durch den Pfälzerwald zur südlichen Weinstraße.

Der Märchenwald beginnt für mich im Karlstal, südöstlich von Kaiserslautern. Die drei Kilometer lange Schlucht, in der die Moosalb plätschert, hat als Kind meine Phantasie beflügelt. Damals irrte ich als Prinzessin auf der Flucht vor Bösewichten bergauf, bergab umher und hoffte, dass ein Prinz mich retten möge – meist war’s dann der König in Gestalt meines Vaters. Die Felsen, die aus dem Boden ragen, sind keine Spukgestalten mehr. Sonst ist alles unverändert. Parallel zum Wanderweg gurgelt das Wasser um die Steine.Aus den Ästen zwitschert es vielstimmig. Sonnenstrahlen stehlen sich durchs Buchenlaub und tanzen auf dem Boden. Oder sind es Elwetritsche, die durchs Unterholz huschen? Halb Huhn, halb Kobold oder Fee, lustig, bunt und sehr scheu. Niemand hat sie je gesehen, trotzdem sind sie überall präsent. Ihre bronzenen Abbilder tummeln sich am Brunnen in Neustadt, und vielerorts veranstaltet man feuchtfröhliche Jagden auf sie.

Auch ein Teil des Jakobsweges, der alten Pilgerroute nach Spanien, führt durch das Karlstal und den Pfälzerwald. Damit keiner vom rechten Weg abkommt, sind an Holzpfählen Schilder angebracht: eine weiße Jakobsmuschel auf blauem Grund. Doch mancher davon sieht aus, als hätten sich die Elwetritsche einen Spaß erlaubt: Ein Dutzend Schilder und Pfeile weisen in alle Himmelsrichtungen. Schuld daran ist die UNESCO. Sie hat den Naturpark Pfälzerwald, das größte Waldgebiet Mitteleuropas – Hamburg würde fast drei Mal hineinpassen – 1992 zum Biosphärenreservat erklärt. Seither kann man neue Pfade beschreiten: den Kelten- und den Römerweg, den Skulpturenweg mit skurriler Steinkunst und, beim Biosphärenhaus Fischbach, einen Baumwipfelpfad in 18 Metern Höhe erobern.

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Autor:
Friederike Jung