Handwerk

Zinn und Sinnlichkeit

Die Eisenharts haben mit Zinn Geschichte geschrieben. Am Marktplatz von Eichstätt pflegen sie ein Handwerk, das beinahe in Vergessenheit geraten wäre. 

Silber des Bürgertums

Das Flugblatt von 1910 appellierte an alle Biertrinker mit Nachdruck: „Trinken Sie Ihr Bier aus Deckel­ gläsern!“ Schwerwiegende hygie­nische Gründe wurden darin auf­ geführt. Beispielsweise könnten „beim Sprechen und Niesen die Speichelpartikelchen des Tischnachbarn ins Bier kommen!“ Wilhelm Eisenharts Großvater war einer der findigen Aktivisten. Die bayerischen Zinngießer wollten damit ein neues Gesetz im Kaiserreich erwirken, das künftig den öffentlichen Bierausschank nur noch mit Zinndeckel­krügen erlauben sollte. Die Sache ist dann leider im Sand verlaufen, doch sie spricht für den Einfalls­reichtum einer Zunft, die Anfang des letzten Jahr­hunderts angesehen und erfolgreich war.

Sechste Generation

Zinn in sechster Generation: In Wilhelm Eisenharts Werkstatt hat alles seinen Platz.

Zinn – kaum ein Werkstoff, der so geschichts­trächtig ist und um den sich gleichzeitig so viele My­then ranken. So sagt man Tellern und Bechern aus Zinn nach, sie verliehen der Nahrung Kraft. In der Alchemie wurde Zinn dem Planeten Jupiter zugeord­net. Die Homöopathie behandelt mit Stannum (latei­ nisch für Zinn) Lungenerkrankungen. In den Anfän­gen nur Adel und Klerus vorbehalten, entwickelte sich Zinn Mitte des 17. Jahrhunderts zum Volksgeschirr und erhielt den Beinamen Bürgersilber. Nahezu jeden Haushaltsgegenstand konnten die Zinn­ oder „Kan­nengießer“ fertigen: Krüge, Becher, Teller, Teekannen und Schüsseln. Um den Arbeitsprozess zu vereinfachen, wurde einst Blei zugegeben – das reduzierte den Schmelzpunkt. So wurde es leichter gießbar und billiger. Bis heute hält sich daher hartnäckig das Gerücht, es sei gefährlich, auf Zinntellern zu essen.

Wilhelm Eisenhart und seine Familie essen quasi rein berufsbedingt gern auf Zinn. Beispielsweise Nürnberger Bratwürste mit Kraut: „Das sieht nicht nur schön aus, das Essen bleibt wegen der besseren Leitfähigkeit von Metall auch länger warm!“ Seit 1804 befindet sich seine Werkstatt am Marktplatz in Eichstätt – die Familie betreibt das Handwerk schon in sechster Generation. Wilhelm Eisenhart gilt als ein Altmühltaler Original, spielt Kabarett und Thea­ter – mimt den Kommandanten Lorenz Krach, der während der napoleonischen Kriege oben auf der Willibaldsburg den Franzosen ein Possenstück lieferte. Eine Rolle, in der man sich ihn gut vorstellen kann.

Karussell mit Zinnschale

Das Karussell mit Zinnschale dient dem gleichmäßigen Anlöten.

Eisenharts größte Leidenschaft gilt jedoch der Zinngießerei. Zusammen mit seinem Vater Heinz, der mit über 80 Jahren noch aktiv in der Werk­ statt mitarbeitet, hat er im Laufe der Zeit mehr als tausend verschiedene Gussformen gesammelt. Und auch den Niedergang des alten Handwerks miterlebt. Dabei war für die Nachfolge eigentlich sein jüngerer Bruder vorgesehen. Wilhelm ging zunächst auf die Wirtschaftsschule, wo er schnell merkte, dass er sich künftig weder in Behörden noch Banken langweilen wollte. „Außerdem drängte es mich erst einmal von zu Hause fort.“ In Nürnberg, der Hochburg für Zinn, absolvierte der damals 18-Jährige seine Lehre und Gesellenzeit. Über ein halbes Jahr verbrachte er zudem in Irland, wohin die Zinn-Produktion im 20. Jahrhundert aus Kostengründen verlagert wurde.

Seite 1 : Zinn und Sinnlichkeit
Quelle:
Autor:
Tatjana Seel