Korbstühle aus Papierzwirn

Vom Korbflechter zum Millionär

Freunde lachen ihn aus, als Marshall Burns Lloyd vor 90 Jahren in Amerika erst Kinderwagen, dann Möbel aus Papierzwirn statt Peddigrohr fertigen lässt. Er wird damit vom Korbflechter zum Millionär. Nach seiner Idee werden noch heute Möbel produziert, beispielsweise von der belgischen Firma Vincent Sheppard.

Die helle Werkshalle am Stadtrand von Budapest scheint menschenleer. An eine überdimensionale Nudelmaschine erinnert die riesige Schneidevorrichtung für das Spezialpapier, aus dem das belgische Unternehmen Vincent Sheppard hier Loom-Möbel fertigen lässt. Leise surrend rollen die einen Meter breiten Bahnen zwischen die Messerwalzen, kommen als gleichbreite Streifen wieder zum Vorschein und werden am Ende zu mühlsteingroßen Rollen aufgedreht: 4250 Meter pro Rolle, fast neun Kilogramm Papier.

Eine unter jedem Arm hievt ein Arbeiter sie zur Montage an die nächste Maschine, die mit den Bändern Stahldraht ummantelt – zu tragfähigem Papiergarn für die Kettfäden des Loomgeflechts. Dicht an dicht steckt er die Papierrollen nebeneinander auf eine Stange. Sie werden gleichzeitig abgewickelt, fest um jeweils einen Draht gedreht und am Ende auf lange Hülsen gespult. Für die Schussfäden des Loomgeflechts wird nur Kraftpapier aufgezwirnt. Eng stecken fertige packpapierfarbene Spulen reihenweise übereinander auf den meterhohen Stellagen hinter einem riesigen Webstuhl. Fest und elastisch zugleich eignet sich der Papierzwirn bestens zum Weben.

Die geniale Idee, Papier zu einem Band zu drehen – so fest, dass es nicht reißt –, entwickelt der amerikanische Kinderwagenfabrikant Marshall Burns Lloyd vor gut 90 Jahren. Auf der Suche nach einem preiswerten Ersatz für das um 1900 übliche Geflechtmaterial Peddigrohr oder Weide experimentiert er mit Papier. Und er will weg von der reinen Handarbeit, hin zur Mechanisierung mit Hilfe von Webstühlen. Für den Korb eines Kinderwagens braucht ein Peddigrohrflechter 12 bis 14 Stunden: einen Arbeitstag. Die Lloyd Manufactures Company produziert so zunehmend unrentabler. Der Fabrikant setzt auf seinen Erfindergeist, der ihm immer Erfolg gebracht hat.