Hausbesuch bei Osnabrück

Tradition und Moderne auf Gut Sögeln

Das Familienerbe bewahren, den Denkmalschutz gewährleisten und dennoch das Gut im Osnabrücker Land modernisieren – Gisela Freifrau von Bock und Polach brachte alles mithilfe einer erfahrenen Innenarchitektin beim Umbau einer alten Scheune unter einen Hut.  

Knorrige Lindenbäume stecken über dem Kopfsteinpflaster ihre Köpfe zusammen. Von der viel befahrenen Straße durch das Osnabrücker Land führt die lange Allee direkt in eine Welt, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Pferdehufe klappern, Wasser rauscht, und im trutzigen Turm mit Torbogen läutet eine Glocke jede neue Stunde ein. Jeder, der das zweiflügelige, mit Weinlaub berankte Herrenhaus von 1793 besuchen will, kommt hier durch.

„Wasserschloss“ nennen die Nachbarn das Anwesen. Eine Bezeichnung, die Gutsherrin Gisela Freifrau von Bock und Polach nicht so gerne hört. Die ehemalige Lehrerin hat einen sympathischen Hang zum Understatement. Sie ist hier aufgewachsen. Vor zwölf Jahren übernahm sie das Anwesen von ihrer 90-jährigen Mutter: ein Erbe, das ihr alles andere als ein beschauliches Freifrauen-Dasein beschert. Es erfordert, die Ärmel hochzukrempeln und ein zeitgemäßes Konzept zu entwickeln, die große Anlage zu managen.

Zum Familienbesitz gehören nicht nur 70 Hektar Wald, Felder und ein Landschaftsgarten, wie man ihn sonst nur in England findet, sondern auch diverse Gebäude: zwei Wohnhäuser, eine Wassermühle, Stallungen, Scheunen – ein Gut, das feudal in der Sonne glänzt, aber dessen Bausubstanz auch instand gehalten sein will. Dazu muss Gisela von Bock und Polach nicht nur ihr Budget geschickt einsetzen, sondern braucht für Umbauten und Reparaturen auch Fachleute, die die gleiche Sprache sprechen wie sie. „Mir schwebte immer eine Balance von Historie und Moderne vor“, erklärt die Gutsherrin, „Wohnen auf der Höhe der Zeit, aber nachhaltig und mit Respekt vor dem alten Gut. Und das ist nicht einfach zu vermitteln.“

Manch ein Handwerker aus der Region reagiert auf diesen vermeintlichen Widerspruch zwischen Modernität und Bewahren des Alten zunächst mit einem Stirnrunzeln. Als sie wieder einmal den Rat bekommt, das Alte, einen antiken gusseisernen Heizkörper, einfach zu verschrotten, fragt sie eine Bekannte in Hamburg, die Architektin Birgit Hachtmann-Pütz. „Ach was, den lassen Sie mal stehen und installieren zusätzlich eine moderne Heizung unsichtbar im Raum“, meint die. Damit beginnt eine fruchtbare Zusammenarbeit und eine gute Freundschaft.

Beide spüren, dass sie die gleiche Vorstellung verbindet, die Historie zu schützen, aber nicht von der Moderne zu isolieren. Sie starten mit ersten gemeinsamen Reparaturen und Schönheitskuren für das Gut – ihr Glanzstück wird der Einbau einer Gästewohnung in eine Scheune. Der große Schober aus dem Jahr 1856 wird schon lange nicht mehr sinnvoll genutzt. Hinter den historischen Bruchsteinmauern verbirgt sich ein dunkles Tonnengewölbe, in dem die Winterkartoffeln lagerten. Ein Raum, kühl und hoch wie eine Kathedrale.

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