Aus Pflanzen Farben machens

Malen mit Pflanzen

Blüten, Zweige, Wurzeln: Nach alten Rezepturen entlockt die Künstlerin Helena Arendt aus Münster dem Garten Farben für die Leinwand, die so bezaubernd wie einzigartig sind. 

Der Streifzug durch die nah gelegenen Gärtnereien hat sich wieder gelohnt. Einen Korb randvoll gefüllt mit dunkel- und hellroten Geranienblüten bugsiert Helena Arendt in ihr kleines Sommeratelier – eine pistaziengrün gestrichene Hütte im Garten hinter ihrem Wohnhaus im westfälischen Münster. Blüten, die anderswo auf dem Kompost landen, sind für die Künstlerin wertvoller Rohstoff, den sie in einzigartige Malfarben verwandelt. „Aus Geranien lassen sich wunderschöne Rottöne gewinnen“, schwärmt Helena Arendt und beginnt, die dunkelroten Geranienblüten von den Stielen zu zupfen.Wasserlösliche Anthocyane – die Stoffe, die Blüten rot oder blau färben – sind reichlich enthalten und lassen sich leicht extrahieren.

Zwei Hände voll Blütenblätter landen zusammen mit einer Tasse Wasser in einem Edelstahltopf. Für einen Moment bedauert sie die zerrupfte Pracht, „aber das Grünzeug muss aussortiert werden, es beeinflusst das Ergebnis“, erklärt sie. Nach fünf Minuten Köcheln ist aus klarem Blütenwasser eine lilafarbene Brühe geworden. Dann kippt sie den Katalysator dazu:Alaun, ein Metallsalz, das gebundene Farbstoffe löst. Der eindampfende Farbsaft gewinnt an Tiefe und Leuchtkraft, es duftet nach Früchten und grünen Zweigen, dazu mischt sich ein leicht chemischer Geruch. Zurückbleibt eine Flüssigkeit, die aussieht wie Holunderbeersaft und als Pinselstrich auf Aquarellpapier schließlich zu magischem Purpur trocknet. 

„Farben wachsen überall, man muss sie nur pflücken“  

Ständiger Wandel, Ergebnisse, die nicht immer vorhersehbar sind. Das fasziniert Helena Arendt an der Arbeit mit Pflanzenfarben, die sie als Ergänzung, nicht als Gegenentwurf zu Industriefarben begreift. „Naturfarben spiegeln das Licht anders als synthetische, weil die Moleküloberflächen heterogen sind. Sie sind zwar meist nicht lichtbeständig, wirken aber sehr lebendig und sinnlich“, erklärt die 60-Jährige. Gerade mal einen Esslöffel Farbpigment kann sie einem kleinen Eimer mühsam gezupfter Ritterspornblüten nach dem Kochen,Anbinden,Trocknen und Mörsern abtrotzen. Kein Grund, das Experimentieren aufzugeben. Sie sieht das so: Der Umgang mit Pflanzenfarben sei ein Privileg – innezuhalten und sich eingehend mit Prozessen zu beschäftigen. Der Wunsch, mehr Zeit für die Kunst zu haben, drängte die studierte Pädagogin und Künstlerin vor 20 Jahren so sehr, dass sie beschloss, die gesicherte Anstellung als Lehrerin aufzugeben. Bereut hat sie es nie.

 

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Autor:
Katrin Püttmann