Handwerk aus Ton

Kunstvolle Kacheln

Ein altes Landhaus spielte Schicksal – und aus dem Mathematiker Alfred Jordy wurde ein Fliesenmacher. Heute stellt der Autodidakt an der Küste Schleswig-Holsteins Kacheln in alter Tradition her. 

Schon einmal von Forschen und Barellen gehört? Die sardinengroßen Fische stammen von dem ehemaligen Adelssitz Hoy­erswort auf der schleswig­-holsteinischen Halbinsel Eiderstedt. Da sollte man sie aber nicht im doppelten Wassergraben suchen, der das weiß her­ ausgeputzte ehemalige Herrschaftshaus umschlängelt. Vor allem tummeln sich die seltenen Fischchen im früheren Ball­saal des Anwesens. Hier hat sich Haus­herr Alfred Jordy seine Werkstatt einge­richtet, hier stellt er nach alter Tradition Fliesen her.

Die Motive kommen einem vertraut vor, denn Jordy bedient sich bei Formen und Ornamenten aus früheren Zeiten. Mit weit ausholender Armbewegung schlägt er einen Klumpen Ton auf einen Holzbock, dass es nur so kracht. Die fünf Meter hohe Balkendecke des Saals wirft den Schall zurück. „Ton muss vor der Ver­arbeitung weich gemacht werden“, sagt er und legt wieder Hand an.

Westerwald trifft Friesland

Bevor Alfred Jordy zeigt, wie seine Flie­sen entstehen, erklärt er noch, was es mit den Forschen und Barellen auf sich hat: „Beim Bemalen kombiniere ich Forellen und Barsche miteinander. Oben Forelle und unten Barsch ergibt einen Forsch, oben Barsch und unten Forelle eine Ba­relle.“ Jordy formt die schmucken Tiere so, dass sie sich wie Puzzleteile zusammenlegen lassen. Schwärme dieser blau­ weißen Fische schwimmen inzwischen als dekorative Friese an so mancher Bade­zimmerwand entlang.

Nach fünf Minuten sieht der bearbeite­te Ton zwar noch genauso aus wie vorher, dafür ist er jetzt aber weich. Jordy teilt den Klumpen in handliche Quader, schneidet sie mithilfe eines Drahts in rechteckige Scheiben und streicht jede mit einem Spa­tel glatt. Die Tonscheiben werden anschlie­ßend mit einem Handrohr glatt gewalzt, mit einer Holzschablone sauber in Form geschnitten und sorgfältig zum Trocknen gestapelt. „In der Industrie wird nur ma­schinell produziert, da sieht ein Teil wie das andere aus“, sagt Jordy. „Die einheitli­chen Fabrikteile sind außerdem so glatt, dass eine Fläche aus mehreren Fliesen kalt wie ein Spiegel wirkt und blendet. Die Un­regelmäßigkeit der handgemachten Fliesen strahlt dagegen Wärme aus.“ Jordy erzählt, dass es seines Wissens nur noch einen Betrieb im Norden gibt, der mit derselben traditionellen Technik arbeitet wie er. Er zupft an seinem weißen Vollbart. „Töpfer siedelten sich immer in der Nähe von Tongruben an. Aber die gibt es hier schon lange nicht mehr, und deshalb ist das Handwerk praktisch ausgestorben.“ Er selbst bezieht sein Material – etwa drei Tonnen jährlich – aus einer 600 Kilometer entfernten Grube im Westerwald.

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Autor:
Martin Lagoda