Traditionelles Handwerk

Herr der Kutten

In der Vergangenheit findet er Halt. Tiziano Spigariol ist einer der letzten Schneider, der noch Tabarri fertigt: traditionelle Umhänge, um die sich abenteuerliche Geschichten ranken. 

Für mich brach die Welt zusammen, als mein Großvater starb“, erzählt Tiziano Spigariol und lässt mit einem langen Zug seine Zigarre aufglühen. „Es war, als hätte ich meine Wurzeln verloren.“ Der Mann, der heute selbst Großvater sein könnte, spricht akzentuiert und mit sonorer Stimme. „Wie alle jungen Leute trug ich einen Parka – damals legte ich ihn ab und ließ mir beim Schneider meines Großvaters eine Kopie seines Umhangs anfertigen. Schließlich war ich unter seinem Tabarro aufgewachsen. Darin fühlte ich mich wieder besser, geborgen.“

Der Tabarro ist ein langer, kreisförmiger Umhang, unter dem Tiziano oft Schutz gesucht hat, zum Beispiel vor den bissigen Schweinen. Sein Großvater war Schweinehändler, und Tiziano Spigariol lebte mit seinen Eltern auf dessen Hof in San Lazaro bei Treviso. „Ich wich nie von seiner Seite. Manchmal war Krieg im Stall, und die Tiere bissen sich blutig. Dann ging Großvater hinein, und plötzlich war Frieden“, erinnert er sich. Der Alte rieb die Tiere dann immer mit Essig ein, damit sie nicht mehr das Futter riechen konnten, in dem sich die anderen vorher gesuhlt hatten. In der Region galt er als Schweineflüsterer. „Er war ein großer Mann, und ich war stolz auf ihn.“

Auch Tiziano Spigariol ist heute ein stattlicher Mann, eine Mischung aus Guru und Dandy, und seine berufliche Passion wurde vom Großvater geprägt: Vor den Toren Trevisos betreibt er seine „Tabarrificio Trevisiano“, einen kleinen, feinen Salon, in dem er die traditionellen Umhänge fertigt und verkauft: Hölzerne Kleiderständer präsentieren sich hier in Anzug, Hut und Tabarro, in antiken Vitrinenschränken und Kommoden ruhen Schmuckstücke aus Silber, alte Gläser, Hunderte kleiner Dinge, die neugierig machen.

Bevor Spigariol den „Tabarrificio Trevisano“ eröffnete, hat er das Schneiderhandwerk gelernt, studierte dann Bekleidungstechnik und arbeitete für die Textilindustrie als Berater und Gutachter. „Bis zur Umsetzung meiner Idee vergingen Jahre der Recherche in Museen, Bibliotheken, Kulturvereinigungen und lokalen Archiven, denn meine Schnitte sind Originale des 18. und 19. Jahrhunderts. Und es war auch eine Frage der persönlichen Reife. Erst vor zehn Jahren fühlte ich mich bereit, selbst Tabarri zu schneidern“, erklärt Spigariol. Rund 100 Maßanfertigungen verkauft er im Jahr, sie kosten je nach Stoffqualität um die 550 Euro.

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Autor:
Veronika Crecelius