Die Tradition der Umgebindehäuser

Fachwerk auf Stelzen

Im äußersten Zipfel Sachsens, dem Zittauer Gebirge, hat sich eine eigene Architektur erhalten – Fachwerk auf Stelzen: Umgebindehäuser. Aus Holz, Lehm und Naturstein von den Handwerkern aus der Region gebaut, lebt es sich in ihnen ökologisch vorbildlich. 

Nußknacker grüßen aus den Fenstern, als Uli Engel das erste Mal durch die Straßen von Großschönau stapft. Frost beißt in die Nase. Sie begleitet ihren Mann auf einer Geschäftsreise in den äußersten Zipfel Sachsens, an den Rand der Oberlausitz, ins Zittauer Gebirge. Rauch kräuselt sich aus den Schornsteinen. Einen halben Meter hoch liegt der Schnee in den Gärten.Wie ein Wattepolster umgibt er seltsame kleine Fachwerkhäuser. Jedes von ihnen trägt, so scheint es, ein Stützkorsett. Nur dass statt dünnem Fischbein kräftige Holzstreben die Mitte umgeben. Uli Engel hat eine Schwäche für alte Häuser, doch so etwas wie hier hat sie nie zuvor gesehen. Weiß gestrichene Holz-Passepartouts rahmen die Scheiben. Über den Haustüren leuchten Herrnhuter Sterne. So schön und so kitschig. Sie fühlt: „Wenn ich geborgen sein will, muss ich in so ein Haus hinein. Das ist das Ziel.“ Ein dreiviertel Jahr dauert die Suche. 1993 kaufen Uli und Ralph Engel ein Gehöft und ziehen ins Umgebindeland. Eine Gegend am Ende der Welt, möchte man meinen, und doch ist sie nicht mehr als anderthalb Autostunden von Dresden entfernt.

Merkwürdig an dem Weg nach Großschönau sind schnurgerade kilometerlange Straßen. Von Bautzen nach Löbau, ein Strich. Von Löbau Richtung Neugersdorf noch ein Strich, gezogen von Kirchturmspitze zu Kirchturmspitze, zu der Zeit, als man die Reichsautobahn baute. Früher einmal waren Orte im Zittauer Gebirge begehrte Ziele für Sommerfrischler und Wintersportler, die von weither anreisten. Heute, nach langem DDR-Bann, sind sie Geheimtipps, wie vieles im Land des Berggeistes Rübezahl. Umgebindeland benennt, ähnlich wie Heide oder Schwarzwald, eine Region, nur dass keine Pflanzenart, sondern ein Haustyp den Namen gab. Sie reicht weit nach Polen und Tschechien hinein. 19 000 Umgebindehäuser gibt es noch. 6000 davon stehen in der Oberlausitz, allein 640 im Ortskern von Großschönau. Andere Bilderbuchorte sind Jonsdorf, Obercunnersdorf, Waltersdorf und Dittelsdorf. Die „beste Infrastruktur“, so Uli Engel, hat ihr Großschönau. Hier gibt es einen Ski-, einen Hockey- und einen Kletterverein. Mitglied ist sie in allen dreien geworden, denn „das Vereinsleben wird hier hoch gehalten“,weiß sie.

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Autor:
Elke von Radziewsky