Tiere und Menschen

Die Schafzüchterin

Schaf ist nicht gleich Schaf. Bei Birgit Wolter heißen sie Coburger Füchse oder Braune Walliser. Für die Züchterin seltener Landschaf-Rassen beginnt jetzt die spannendste Zeit des Jahres – die Geburten der Lämmer.

 

Es gibt ein französisches Sprichwort, in dem heißt es: „Wenn die Schafe rasend werden, sind sie schlimmer als die Wölfe.“ Birgit Wolter weiß genau, was damit gemeint ist. Wenn sie sich in der kalten Jahreszeit in Gummistiefeln, Wachsjacke und mit einem Plastik­eimer bewaffnet auf den Weg zu ihren Koppeln macht, kann jede Fütterung ungemütlich für sie enden. Heute hat sie Glück, die Böcke stehen in der hintersten Ecke ihrer Weide. Sie kann in Ruhe Fut­terspuren ausstreuen, sich selbst an einen strate­gisch günstigen Punkt begeben und das Spektakel mit ihrem Lockruf eröffnen: Knapp drei Dutzend Schafsböcke, zum Teil mit gewaltigen Hörnern, fallen gierig über die gepressten Grünkörner her. Sie sto­ßen, treten, drängeln sich dabei gegenseitig und un­tersuchen anschließend mit nervös zuckenden Mäu­lern die Hände und Jackentaschen ihrer Schäferin.

Herr von Bern schweigt und genießt 

Nach zehn Minuten hat sich die größte Aufregung ge­legt, die Herde zerstreut sich wieder und beginnt, die letzten Grashalme des Winters abzurupfen. Vor uns steht nun wie ein Fels: Dietrich von Bern, seines Zei­chens Walliser Schwarznasenschaf. Er ist ein beson­ders schönes Exemplar seiner Gattung. Der Widder hat ein schwarzes Gesicht, ein weißes, weiches Fell, und er mag wohl annähernd 100 Kilo wiegen. Aus dunklen, sanftmütigen Augen schaut er uns unter seinen schweren, spiralförmig gedrehten Hörnern an. „Jetzt möchte Herr von Bern gekrault werden“, erklärt Birgit Wolter. Und tatsächlich senkt dieser den Blick und legt den Kopf ein wenig schief, als wir mit unseren Fingern durch seine langen Locken glei­ten. Dieser Herr, das ist ganz offensichtlich, weiß was sich gehört: Er schweigt und genießt.

Das jedoch kann man nicht von all seinen männ­lichen Kollegen behaupten. Zum „rasenden Schaf“ wird zuweilen auch, wer im jungen Alter zu sehr verzärtelt wird. „Gerade Böcke können aggressiv werden, wenn man sie zu zahm macht“, sagt Wolter und erzählt von ihrem ersten Schafswidder Rasputin, der als Lamm ein Schmusetier war, später dann aber zunehmend seinem Namen Ehre machte und ihren Mann über die Koppel jagte.

Seit 1996 züchtet die 52-­jährige Altenpflegerin in ihrer Freizeit alte Landschafrassen. Rund 80 Schafe befinden sich auf ihrem Hof in Holm nahe Hamburg, darunter Coburger Füchse, Gotländer Pelzschafe, Braune Walliser, Bentheimer, Rauwollige Pom­mersche Landschafe und eben die stolzen Walliser Schwarznasen. Wolter will damit einen kleinen Beitrag zum Erhalt seltener Haustierrassen leisten und bietet den Tieren die bestmöglichen natür­lichen Lebensbedingungen.

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Autor:
Mareile Braun