Handwerk

Die Insektenfrau

Ameisen, Spinnen, Grashüpfer, Käfer – die Hamburgerin Julia Stoess hat aus ihrer Leidenschaft für Insekten einen seltenen Beruf gemacht. Die Kostümbildnerin baut die Kleintiere nach: detailgetreu überdimensional – als Modelle für Naturkundemuseen. 

Drei Jahre lebte er bei ihr auf dem Balkon im vierten Stock eines roten Klinkerbaus in Hamburg-Eppendorf. Als der Tausendfüßler seine Dienste als Modell für die Kostümdesignerin Julia Stoess getan hatte, suchte er nicht das Weite, sondern blieb seiner Hauswirtin treu: „Ich freute mich jeden Morgen beim Blumengießen, ihn zu sehen und war richtig traurig, als er plötzlich fort war – die Fassadensanierung im letzten Frühjahr kostete ihn wahrscheinlich das Leben“, erzählt sie. Seine aus Kunststoff hergestellte Kopie im XXL-Format hockt dagegen gut geschützt hinter einer Glasvitrine des Görlitzer Naturkundemuseums. Dass das Krabbeltier wie Eisbär Knut bestaunt wird, ist das Werk von Julia Stoess, die es vom Fühler bis zum Füßchen detailgetreu nachgebaut hat – täuschend echt, aber in 20-facher Vergrößerung.

Auf die Idee, überdimensionale Insektenmodelle herzustellen, kam die 47-Jährige während ihrer zahlreichen Besuche in zoologischen Ausstellungen: „Gliederfüßer stecken meist getrocknet und aufgespießt in Schaukästen – viel zu mickrig und unspektakulär“, findet sie. „Dort sind Insekten zudem unterrepräsentiert, obwohl sie mit 80 Prozent die größte Tiergruppe unseres Planeten ausmachen.“ Ihr erstes Exemplar, ein Goldglänzender Rosenkäfer, den sie 2000 bei einer lokalen Ausstellung zeigte, fand sofort einen Käufer und schmückt seither das Düsseldorfer Löbbecke-Museum. Das bestärkte Julia Stoess, sich neben ihrem Beruf als Kostümbildnerin beim Fernsehen weiter intensiv mit Käfer und Co zu beschäftigen. Schnell machte sie sich einen Namen unter Entomologen, die von der wissenschaftlichen Präzision ihrer „Monster-Modelle“ beeindruckt sind.

Und die Posen sind einmalig: Ob Ameise, Zwergspinne, Libelle oder Stubenfliege – Julia Stoess zeigt die Tiere nicht statisch, sondern in Aktion, in einer Räuber-Beuteszene, bei der Fortpflanzung oder – im Fall der Brutwanze – mit Nymphen auf einem Birkenblatt. „Leute mögen kleine Geschichten“, weiß Julia Stoess. „Wenn sie statt ,igitt‘ zu rufen genau hinschauen, merken sie, wie komplex und nützlich diese einzigartigen Insekten sind – und ich habe mein Ziel erreicht.“

Auch aus ökonomischer Sicht, denn 2004 machte sich die Hamburgerin selbstständig und ist bereits bis nächstes Jahr ausgebucht. Auftraggeber: Naturkundemuseen in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Skandinavien, selten Privatleute wie jener Geschäftsmann, der sich den Gemeinen Grashüfer als Dekoration für sein Wohnzimmer kaufte. Bis zu 12 000 Euro kosten die Exemplare, an denen die Tüftlerin drei bis sechs Monate arbeitet.

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Autor:
Andrea Bierle