Chemiker stellt teure Naturfarben her

Der Alchemist aus dem Allgäu

Lapislazuli, Roter Ocker, Zinnober: Der Schweizer Georg Kremer stellt in einer alten Mühle Farben her, wie sie schon Rubens benutzte – und ist in der ganzen Welt gefragt.

Was hier glänzt, ist wirklich Gold. Mit der opulenten Ausstattung, ihrem üppigen Blattgold und dem Deckenfresko, das die Geburt Christi zeigt, lockt die Schweizer Wallfahrtskirche in Einsiedeln jährlich Hunderttausende Besucher an. Vor fast 300 Jahren haben die berühmten Asam-Brüder das Barock-Ensemble erschaffen, doch die Rot- und Blautöne leuchten immer noch wie neu. Das ist vor allem einem zu verdanken: Georg Kremer. In einer ehemaligen Getreidefabrik am südlichen Zipfel des Allgäus hat er sich auf eine vergessene Kunst spezialisiert – auf Naturfarben, wie sie schon die Alten Meister von Rubens bis Rembrandt benutzten.

Ende der 70er-Jahre war die Schönheit der Wallfahrtskirche bereits gefährlich verblasst: Die Wandmalereien wirkten stumpf und schmutzig, überall Risse an den Vergoldungen und Schimmelbefall an zahlreichen Bildern. Die Pracht schien für immer verloren, doch die Denkmalpfleger hatten eine außergewöhnliche Idee. Sie riefen Georg Kremer zu Hilfe, einen promovierten Chemiker, aber mit experimentierfreudigem Ruf und einer besonderen Leidenschaft. Er rekonstruierte historische Farben: Grüne Erde, Elfenbeinschwarz, Goldrutenkraut oder Bleizinngelb. „Die waren aus der Mode gekommen“, erinnert sich Georg Kremer, der gern Schwarz und Hut trägt und ein wenig wie Joseph Beuys aussieht. „Der Handel bot nur noch Fertigprodukte für die Masse an.“ Kremer wurde ein gefragter Mann – so gefragt, dass der Schwabe 1982 seine Lehrtätigkeit an der Tübinger Uni aufgab und seine eigene Firma gründete. Bis nach Südkorea und Brasilien verschickt Kremer Pigmente im süddeutschen Aichstetten heute ihre Raritäten. „Anders als bei modernen Produkten ist die Farboberfläche, die man mit natürlichen Pigmenten erzielt, unregelmäßig“, erklärt der 60-Jährige und zeigt in seinem Büro auf einen Briefbeschwerer, einen blauschimmernden Lapislazuli. „Dadurch fängt sich das Licht auf mehreren Ebenen und erzeugt mehr Leuchtkraft und Tiefe.“

Wie die Testflakons einer Parfümerie stehen Döschen und alte Marmeladengläser in den Regalen, handbeschriftet mit Schildchen: „Accra-Harz aus Nigeria“, „Erde aus Mali“ oder „Schildläuse aus dem Taunus“. Alles Steine, Mineralien, Pflanzen und Tiere, die Georg Kremer auf seinen geologischen Beutezügen sammelt. Sie sind der Stoff, der später zu Staub gemörsert, zermahlen und gesiebt wird, in Handarbeit, mit traditionellen, teils selbst gebauten Geräten.

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Autor:
Andrea Bierle