Hausbesuch

Hausbesuch: Eine New Yorkerin auf dem Land

Eine New Yorker Modejournalistin und ein Künstler aus der Pfalz haben ihr Glück in Brandenburg gefunden. Sie renovierten ein Haus mit großem Garten und genießen das Leben fern der Großstadt in vollen Zügen.

Melissa Drier und Erwin Leber

Heute you see me in my real Landfrauen-Outfit“, ruft Melissa Drier zur Begrüßung, während ihre Katze Merle und der Kater Odin um sie herumwieseln. Es ist ein warmer Sommertag in einem Idyll, ganz nah der Großstadt und doch ganz fern. Mit ihrem Mann, dem Maler Erwin Leber, begutachtet Melissa gerade die Schäden, die die Streifenmäuse im Rasen angerichtet haben. „Gut, dass es keine Wühlmäuse sind, die buddeln nicht nur, sondern fressen noch alles an.“

Tisch mit Essen aus dem Garten

Gastgeber ist das amerikanisch-deutsche Ehepaar aus Leidenschaft. Auf den Tisch wandert, was im Garten wächst – Salat, Gemüse, selbst der Beerenessig wurde mit eigenen Früchten angesetzt.

Irgendwie cool sieht Melissa Drier auch im „real Landfrauen-Outfit“ aus – graues Sweatshirt, Boyfriend-Chinos und Birkenstocks mit Riemchen in schwarzem Lackleder. Kein Wunder: Melissa Drier ist Deutschland-Korrespondentin der amerikanischen Branchen-Bibel „Women’s Wear Daily“ und ein Star unter den Modejournalistinnen. Auf Modenschauen sitzt sie natürlich in der ersten Reihe. Und wenn etwa Wolfgang Joop sie bei einer Veranstaltung trifft, herzt er sie, und sie sagt so hübsche Sachen wie „Heute I wear my crazy shoes“. Vor 28 Jahren zog die New Yorkerin nach Berlin. „Ich merkte, ich liebe New York nicht mehr. Meine Ehe war am Ende, ich hatte zwar einen super Job, aber meine Idee von Erfolg und einem erfüllten Leben bestand nicht darin, dass um halb sieben Uhr morgens der Personal Trainer vor der Tür steht.“
 

Ein Haus mit Gefühl

 
1985 war Berlin nicht unbedingt eine Wahl, die man von einer im Fashion-Business tätigen Frau erwartet hätte. Damals war sie Chefin eines Männermodemagazins in einem Verlag, der das Zentrum ihres Lebens bildete. Drier hatte Berlin auf einer Europareise für eine Fotoproduktion schätzen gelernt. „Berlin hatte nichts mit Mode zu tun, aber es hatte Stil.“ Mode war sowieso ein Thema, das für sie nicht mehr ganz oben auf der Agenda stand, als der Umzug beschlossene Sache war. Sie wollte weiter schreiben, aber nicht über Mode, sondern Kurzgeschichten. Dass sie dann doch über Mode schrieb (und die Entwicklung Berlins der letzten Jahre als Beweis für ihr Talent als Trendsetterin gelten könnte), ist eine lange, verwickelte Geschichte. Heute ist Drier die von der Fashion-Branche umworbene New Yorker Journalistin in Berlin, die jeder liebt. Weil sie so smart ist, weil ihr „Denglish“ so charmant ist und auch, weil die kleine zierliche Person so New Yorkerisch tough ist. Davon wollen sich gerade die Berliner gerne eine Scheibe abschneiden.
 
Holzherd

Die Küche mit dem Holzherd gehört zu Melissa Driers favorisierten Orten im Haus, jedes Accessoire wurde mit Liebe ausgesucht. Die „Tiere“ auf der Ablage sind alte Fleischmesser.

Ihr zweites Leben aber führt sie auf dem Land. Genau 55 Kilometer sind es von ihrer City-Wohnung in ihr Refugium nordwestlich von Berlin. Von der Hauptstraße eines Dörfchens im Havelland biegt man rechts ab, fährt zunächst noch ein paar Meter auf Asphalt, ist dann aber schnell auf einem holprigen Sandweg angekommen, mit tiefen Löchern und Furchen. „Du kannst schreiben, Melissa und Erwin haben keinen Porsche, weil der zu flach ist für den Weg zu ihrem Haus“, lacht sie. Man braucht aber weder einen Porsche noch überhaupt ein Auto, um hierherzukommen. Mit dem Zug geht es sogar noch schneller, keine halbe Stunde. Melissa durfte ihr Rad im Gasthof gleich an der Bahnstation deponieren, von da radelt sie knapp 20 Minuten durch die Landschaft bis zu ihrem Paradies.
 
Vor 16 Jahren haben Melissa und Erwin dieses alte Haus inmitten von Wald und Wiesen samt Schweinestall und Hühnerhaus gekauft. Es sah damals nicht gerade nach dem aus, was man ein „Juwel“ nennen würde, aber die Substanz war in Ordnung, und „wir hatten ein Gefühl für das Haus“, erzählt Melissa. „Ich wusste, dass es gut hier wird.“
 
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Quelle:
Autor:
Nikolas Feireiss
Fotograf:
Gregor Hohenberg