Interview mit Gudrun Sjödén

Erhellendes skandinavisches Design

Das Zuhause muss tipptopp sein. Die schwedische Modeschöpferin Gudrun Sjödén erklärt, warum Regen und Dunkelheit Skandinavien zur Heimat weltberühmter Interiordesigner machte.

Gudrun Sjödén

 

COUNTRY: Ist die Natur eine Inspirationsquelle für Sie? Gudrun Sjödén: Unbedingt. das geht vielen skandinavischen Designern so. Wir sind hier oben doch alle sehr naturverbunden. Das gilt auch für mich. Ich liebe es sehr, in meinem Haus in den Schären zu sein und über das Wasser zu blicken oder die Blumen im Garten zu betrachten. Nach einem Spaziergang dort draußen fließen die Ideen nur so. Später siebe ich dann mit meinem Designteam die besten Entwürfe heraus, und dann sehen wir, was wir in einer Kollektion verwenden.

Wie würden Sie den typisch skandina­vischen Interiorstil beschreiben? Das Design ist bodenständig und praktisch, ohne viele Schnörkel. So wie die Skandinavier eben sind. Es gibt zwei Hauptrichtungen: die eine ist die sehr minimalistische urbane Schule. Gerade Linien, Möbel in Weiß, Schwarz oder Grau, wie wir sie seit den 50er- und 60er-Jahren beispielsweise von dänischen Designern wie Arne Jacobsen kennen. Diese Formsprache wird von vielen jungen Leuten heute fortgeführt und ist in den Köpfen der meisten Menschen international als skandinavischer Stil verankert. Viele meiner Kunden sagen mir zum Beispiel, meine Kreationen wären gar nicht so typisch skandinavisch.

Das sind sie aber, weil … es auch eine sehr ländlich inspirierte zweite Richtung gibt, eine Tradition, in der auch ich stehe. Deren Muster orientieren sich an Volkstrachten, Naturmotiven wie Blumen oder ganzen Landschaften. Sie sind die Basis meiner Entwürfe – ihre große Vielseitigkeit, die Formen, Strukturen und besonders die kräftigen Farben.

Woher kommt die Liebe der Skandinavier zu starken Farben? Jeder kennt die typisch roten Häuser! Sicher lieben wir bunte Kleider und Heimtextilien, weil es bei uns im Norden auch sehr lange Zeit im Jahr dunkel ist. Auch deshalb streichen wir die Häuser ­bunt. ­Doch historisch ­gesehen­ hat­ das­ noch andere­ Gründe:­ Es­ war­ eher­ ein­ Zeichen­ von­ Wohlstand.­ Wer­ es­ sich­ leisten­ konnte,­ strich­ das­ Haus­ rot.­ Als­ dann­ viele­ ein­ rotes ­Haus hatten, ­begannen ­die­ reicheren Leute,­ ihres­ gelb­ zu­ streichen,­ um­ sich ­abzuheben. ­Außerdem­ sind ­diese­ speziellen­ Farben­aufgrund ­der ­Oxide ­und­ Silikate,­ die­ sie enthalten, ­holzkonservierend­ und­dadurch ­sehr ­gut ­für ­die ­hiesigen­ Wetterbedingungen ­geeignet.­

Die Natur beeinflusst also das Wohnambiente? Ganz ­sicher. ­Und ­weil­ es ­bei ­uns­ kälter ­und­ regnerischer ­zugeht ­als ­im ­Süden ­Europas,­ haben­ wir­ wichtige Gründe,­ unser­ Heim­ mit ­sehr­ viel ­Liebe­ zu­gestalten. ­Wir dekorieren ­oft ­um.­ Dann ­gibt ­es ­neue ­Vorhänge,­ Teppiche, ­Kissen,­ Decken ­oder ­gar ­Möbel.­ Das­ Zuhause­ ist­ für uns­ in­ Skandinavien­ sehr­ wichtig,­ es­ muss­ tipptopp­ sein. Man­ hält ­sich­ gerade ­im ­Winter ­viel ­drinnen ­auf­ und­ lädt ­ohnehin ­Freunde ­eher ­zu ­sich ­ein,­ als­ ins ­Restaurant ­zu gehen.

Es ist in Skandinavien auch sehr verbreitet, ein Sommerhaus zu haben. Also gleich zwei Häuser, die sich ständig neu einrichten lassen? Ja,­ das­ stimmt.­ Fast­ jeder­ hat­ heute­ ein­ kleines ­Sommerhäuschen, ­manchmal­ teilt­ man ­es­ sich ­auch ­mit ­der ­Großfamilie ­oder­ man­ hat­ zumindest­ ein­ Boot. Früher­ gab­ es sogar ­in­ manchen ­schwedischen ­Regionen­ die­ Tradition,­ auf­ dem­ gleichen­ Hof­ ein­ Winterhaus­ und­ ein­ Sommerhaus­ zu­ haben.­ Dann­ zog ­man­ von ­dem ­einen zum­ anderen­ und­ richtete­ beide­ schön­ her­ –­ das ­galt ­als­ Statussymbol.

 

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Autor:
Sven Hasselberg