Hausbesuch auf Rügen

Das Gut Boldevitz

Ein Hauch von Schweden: Auf dem rügenschen Gut Boldevitz lebt Alexandra von Wersebe mit ihrer Familie. Haus und Park gleichen einem nordischen Arkadien. 

Nicht weit von Bergen, im sogenannten Muttland der Ostseeinsel Rügen, ruht ein Landsitz am Schwanenteich. Als Rotermund’sches Lehen im 14. Jahrhundert erstmalig erwähnt, ist das um 1600 gebaute Herrenhaus Gut Boldevitz heute im Besitz der Familie von Wersebe. Schmuckstück ist der Festsaal auf der Beletage. Der in Prenzlau bei Berlin geborene Maler Jakob Philipp Hackert bannte mit nur 26 Jahren in milden lichten Farben die Rügener Landschaft samt Illusion und Scheinarchitektur auf sechs Quadratmeter Tapete.

Alexandra von Wersebe, Hausherrin und erfahrene Antiquitätenhändlerin, bezog sich bei der Wiederherstellung und Einrichtung des Hauses nicht nur auf diesen Landschaftsmaler, der von 1763 bis 1765 zu Gast auf Boldevitz war, sondern ebenso auf den gustavianischen schwedischen Barockstil. „Die Farben in Hackerts Bildern waren meine Stimmgabel. Sonst sind wir ganz von Schweden durchdrungen“, sagt Alexandra von Wersebe. „Wir waren oft dort.“ Immerhin herrschte der schwedische König Gustav II. Adolf viele Jahre auch über Rügen.

Alexandra von Wersebe, die während des Zweiten Weltkrieges auf Rügen geboren und vertrieben wurde, erwarb das heruntergekommene Boldevitz 1992 zusammen mit ihrem Mann. „Als wir ankamen, goss es in Strömen“, erinnert sie sich, „Gänse schnatterten im Gras.“ Damals war das Gutshaus ein Kindergarten, und die historischen Räume hatte man willkürlich in zwölf Wohnungen unterteilt. „Aber als mein Mann die Renaissancegiebel sah, sprang der erste Funke über. Wir haben gleich losgewühlt.“

Das Leben kultivieren

„Auf Boldevitz konnte ich meinen Gestaltungsdrang ausleben“, erinnert sich die stolze Besitzerin. „Wir wollten hier das Leben kultivieren.“ Gemeinsam gestalteten sie den Wirtschaftshof um und sanierten die Kapelle, den Garten, den Park, das alte Herrenhaus. Die stark angegriffenen Tapeten waren 1970 glücklicherweise von Denkmalschützern gesichert und fortgebracht worden. Als die Familie von Wersebe Gut Boldevitz übernahm, kehrte auch Hackerts einzigartiges Werk zurück an seinen ursprünglichen Platz.

In den Seitenflügeln des Gutes oder in einer der restaurierten gemütlichen Rügenkaten können Selbstversorger heute stilvolle Ferien auf dem Lande verleben. Und im Hackert-Saal kann man sich sogar unter dem Kronleuchter trauen lassen. Der rohe Kiefernholzboden schimmert samtig, und zwischen den Fenstern nach Westen stehen antike schwedische Konsolen und Stühle. Wer hinausschaut, sieht am Horizont hinterm Badeteich ein wogendes Rapsfeld als sattgelbes Sonnenband.

Der Frühsommer auf Rügen ist ein Flickwerk aus sattem Gelb und hellem Grün. Frisch fährt der Wind übers Land und trägt eine verwirrende Wolke leichten Stallgeruchs von den Rapsfeldern mit sich. „Die unberührbaren Landschaftsbilder Rügens haben es uns angetan“, schwärmt Alexandra von Wersebe. „Wir sind immer noch auf Entdeckungsreise.“ Hackerts malerisches Thema setzte sie auf Boldevitz sogar in der Parklandschaft um. „Im Jahr 2000 haben wir angefangen zu pflanzen.“ Im Rasenparterre stehen dunkelgrün junge Eibenkegel, und im Obstgarten blühen wieder die alten Sorten.

Das Gutshaus ist ein einziges Schmuckstück. Nebenan im Brunnenhaus leben Kinder und Enkelkinder. Das Haupthaus wird nur privat genutzt. Dort schimmert Aachener Blaustein auf dem Flurboden und die offene Tür gibt den Blick frei ins mattweiße schwedische Esszimmer. Eine Holztreppe führt zwei Stockwerke hoch bis unters Dach. Auf halber Höhe hängt ein Porträt von Gustav II., dem Vater des Königs von Schweden, der so inspirierend für die Ausstattung von Boldevitz war.