Trend: Die neue Winzergeneration

Revolution unterm Apfelbaum

Apfelwein ist im Kommen! Mit dem „Blauen Bock“ hat er nichts mehr zu tun - eine neue Winzergeneration veredelt Apfelwein zu einem Genusstropfen der kultivierten Art.  

Orte der Rebellion sehen für gewöhnlich anders aus als der Obsthof am Steinberg. Den Hügel hinab wachsen lange Reihen von Apfelbäumen, einige von ihnen 45 Jahre alt. Längst überspannen ihre Äste, wie grüne Gewölbe, das Gras zwischen den Zeilen. In ihrem Schatten stehen die Biertische der zum Hof gehörenden Schoppenwirtschaft. Oben, neben dem Ausschank, jauchzen ein paar Kinder an der Schaukel. Nur wer aufs Dach des Hauptgebäudes klettert, kann in der Ferne, unwirklich wie eine Lego-Stadt, die Skyline von Frankfurt am Main ausmachen. 14 Kilometer – so weit ist die Distanz zum Zentrum – können manchmal tatsächlich Welten trennen. Trotz oder gerade wegen der friedlichen Atmosphäre wurde genau hier Revolution gemacht, genauso wie an anderen höchst idyllischen Ecken im Taunus, im Odenwald, in der schwäbischen Alb oder in der Rhön: An all diesen Orten hat eine neue Generation von Apfelwinzern sowohl das angestaubte Image wie auch die Qualität des hessischen Nationalgetränks gründlich aufgemischt.

Neues Outfit für einen Klassiker

Mit dem, was Heinz Schenk mit schiefem Lächeln einstmals im „Blauen Bock“ kredenzte und wozu Nichthessen in den Frankfurter Apfelweinkneipen drei Schoppen brauchen, bis sie Gefallen an dem herb-säuerlichen Aroma finden, haben die Genusströpfchen der neuen Art wenig zu tun: Sie werden entweder in Manufakturen sorgsam aus gemischten Äpfeln von der Streuobstwiese gekeltert oder gleich „sortenrein“ ausschließlich aus Goldparmänen, Boskop oder anderen alten Sorten. Sie werden ausgebaut wie edle Weine, reifen zu Sherrys oder werden zu Essigen von solcher Eleganz vergoren, dass diese sogar als Aperitif Ehre einlegen.

Apfelwein perfekt aufs Essen abgestimmt

Mit zwei pfiffigen Designern, die an der Hochschule Mannheim zusammenfanden, bekam die gärende Revolution ein Gesicht: Benedikt Kuhn und Kjetil Dahlhaus taten sich mit dem Erzeuger ihres Lieblingsapfelweins zusammen – der Kelterei Krämer im Odenwald, die zwar keine Spitzenweine, aber doch einen soliden, vollmundigen Streuobst-Apfelwein produziert – und machten Äbbelwoi auch optisch partytauglich: Sie füllten ihn pur, als Schorle oder gemixt mit Cola in Dosen und Fünf-Liter-Fässchen, drückten ihnen ein lässiges Design auf und firmierten augenzwinkernd unter der Bezeichnung „Bembel with Care“. Wenn nun einige dieser „Apfel-Revoluzzer“ zum gemeinsamen Verkosten aufeinandertreffen, ist die Atmosphäre herzlich und unkompliziert. Man kommt aus dem gleichen Fach, versteht sich aber nicht als Konkurrenz, sondern hat ein gemeinsames Ziel vor Augen: dem Apfelwein ein neues, glanzvolles Image zu verpassen. Andreas Schneider, der Hausherr im Obsthof am Steinberg, hat für das Treffen hundert Meter unterhalb der Schoppenwirtschaft, mitten zwischen den alten Apfelbäumen, eine Tafel aufgebaut; und jeder der Gäste hat nicht nur seinen besten Tropfen mitgebracht, sondern auch seinen liebsten „Apfelwein-Begleiter“, zum Beispiel ein leichtes Lachsforellentatar, ein Salat mit Beeren und Wildschweinschinken, eine deftige Krautpfanne.