Hausbesuch im holsteinischen Gutshaus

Wer rastet, der rostet

Gut, dass sie keinen Ruhesitz suchten: Als Katharina und Manfred Meiner in Holstein ein Inspektorat kauften, nahm das Gutsleben sie noch einmal in die Lehre.

Manfred Meiner stapft energisch durch den Schlamm: ein Mann in schweren Gummistiefeln, der ein Ziel hat. Er will beim alten Karpfenteich nach dem Federwild sehen und während des halbstündigen Fußmarschs mit Duke Hausaufgaben machen. Der Deutsch-Langhaar-Teenager hat seine Ausbildung zum Jagdhund begonnen, und mit dem Gehorsam hapert es noch. „Komm!“, donnert Manfred Meiner und schickt einen liebevollen Blick und beißenden Ton aus der Pfeife hinterher. Die steife Ostseebrise zerrt an der tarngrünen Jacke und färbt die Backen rot. Hoch über ihm schütteln ausladende Eichen die Häupter: Duke schrumpft zu einem hüpfenden Ball. Sein Kollege, der alte Retriever Duncan, lag bis zu seinem Tod am liebsten in der Diele. Duke aber ist ein Stromer – und es gibt viel zu entdecken.

"Unser Luxus: in Küche und Garten zu arbeiten!“ 

Knapp zwei mal zwei Kilometer misst das Gut in Ostholstein, das im 15. Jahrhundert gegründet wurde. Keine öffentlichen Straßen und nur wenige Zäune durchschneiden die sanft hügeligen Raps- und Gerstenfelder, die Gehöfte und Haine. Zwischen reetgedeckten Scheunen, groß wie Hangars, ragt ein elegantes, spätbarockes Landschloss auf. Die Residenz des Gutsherrn liegt, umgeben von einer Ziegelmauer und einem gut fünf Meter breiten Wassergraben, unnahbar auf einer künstlichen Insel. Der Schlammweg ist die einstige Prachtallee, an der sich die Häuser der leitenden Angestellten reihen. Im Inspektorat, 1870 erbaut, lebte einst der Verwalter. Seit Sommer 2002 ist die aus gelbem Backstein erbaute Villa mit 600 Quadratmeter Wohnfläche auf zwei Etagen Katharina und Manfred Meiners Landsitz.

Die TV-Producerin und der Verleger von philosophischen Werken und Sprachlehrbüchern leben seither nur noch von Montag bis Donnerstag im zwei Autostunden entfernten Hamburg. Er beschreibt, wie er das Objekt eines Abends zufällig im Internet entdeckte, wie es Kindheitserinnerungen weckte und wie er es acht Tage danach kaufte, gegen den Rat von Fachleuten und gegen den Willen seiner Frau, die, halb im Ernst, mit Scheidung drohte. Kaum hatte er sie besänftigt – mit dem Versprechen, kein einziges Möbelstück aus der Stadtwohnung aufs Land zu verschleppen und dort keine zweite Baustelle zu eröffnen –, kam der erste Schock: Beim Einzug stand der Keller mehr als fingerbreit unter Wasser. Fälschlicherweise waren die Wände verputzt worden und mussten zwecks Feuchtigkeitszirkulation mit dem Winkelschleifer zentimeterweise wieder freigelegt werden. Dem folgte die Quittung für die traumhaften 3,6 Meter hohen Räume und die nostalgischen Sprossenfenster: „600 Euro Heizkosten pro Monat – und zwar bei Thermopenverglasung, Isolierung und Ofennutzung.“

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Autor:
Petra Mikutta