Interview mit Naturforscher

Was läuft im Naturschutz falsch?

Haben wir eine Waschbärplage? Warum fühlen sich viele Tiere in der Stadt am wohlsten? Und was läuft im Naturschutz falsch? Überraschende Antworten von Josef H. Reichholf, Deutschlands bekanntem Naturforscher. 

Am Wasser

COUNTRY: Sie gelten unter den Naturwissenschaftlern als „großer Popularisierer“. Ist das ein Lob oder klingt das für einen Wissenschaftler eher negativ?

Josef H. Reichholf: Das bedeutet, dass sowohl die Wahl meiner Themen als auch die Art, wie ich sie darstelle, in einem größeren Kreis Interesse findet, als das üblicherweise bei Naturwissenschaft­lern der Fall ist. Darüber freue ich mich.

Was ist Ihr Anliegen? Ich möchte auch Menschen für Naturthemen begeistern, die durch zu fach­spezifische Darstellungen abgeschreckt werden. Vieles Spannende geht auf diese Weise verloren.

Josef H. Reichholf

Prof. Josef H. Reichholf, 66, gehört zu den vielseitigsten Naturwissenschaftlern Deutschlands.

Einige aktuelle Meldungen aus der Tierwelt: Der deutsche Jagdschutzverband spricht von einer explosionsartigen Vermehrung der Waschbären. Wo kommen die plötzlich alle her? Waschbären gibt es bei uns seit 1934, als sie am hessischen Edersee ausgesetzt wurden. Hermann Göring hat damit übri­gens, wie vielfach behauptet wird, nichts zu tun. seitdem haben sie sich einfach im­mer stärker über das ganze Land ausgebreitet. Von „explosionsartig“ kann aber keine Rede sein.

Jetzt werden sie im großen Stil gejagt. Ist das sinnvoll? Der Waschbär macht keine Schäden und gefährdet auch keine heimischen Arten. Mit solchen Begründungen wollen die Jäger nur ihren Abschuss rechtfertigen. Die Bejagung hat lediglich den Effekt, dass der Bestand hochgehalten und die Aus­breitung begünstigt wird.

Die Jagd hält den Bestand hoch? Klingt unlogisch – zumindest für den Laien. Mit der Bejagung wird immer ein Teil des Tierbestandes herausgeholt, dadurch entsteht Platz für Nachkömmlinge. Wenn Tiere sehr gute Lebensmöglichkeiten haben wie bei uns Rehe, Füchse oder Wasch­bären, dann führt die Bejagung dazu, dass die innerartliche Konkurrenz in den kritischen Zeiten wie dem Winter kaum noch stattfindet. Der Nahrungs­- oder Kälteengpass, der die Bestände von alleine regulieren würde, kann nicht wirksam werden.

Also lieber nicht jagen? Es würde sehr viel weniger Nachwuchs geben, und ein Gleichgewicht zwischen Geburten­- und Sterberate käme zustande. Das erleben wir bei sehr vielen Arten. Die meisten werden ja nicht bejagt, und trotz­dem wird die Welt nicht von ihnen über­ schwemmt. Denken Sie nur an Singvögel. Nur wenn es um Wildschäden geht, wie beim Reh, ist Bejagung angebracht.

Ein anderes Thema, das die Menschen beschäftigt, ist die „Krähenplage“. Der Eindruck, dass es zu viele Krähen gibt, betrifft nur die Ortschaften, wo tatsächlich immer mehr Krähen leben. Aber draußen auf dem Land gibt es so gut wie keine Krähenkolonien mehr, weil die Vögel als Folge der jahrelangen Bejagung in die Städte ausgewichen sind.

In Teilen Brandenburgs wiederum können sich die Menschen vor Kranichen nicht mehr retten. Die Klagen sind übertrieben. Die Kraniche profitieren zwar vom Schutz, aber eben auch vom großflächigen Anbau von Mais, den Kraniche lieben. Darauf ist üb­rigens auch die gewaltige Vermehrung von Wildschweinen zurückzuführen.

 

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