IGS-Planer Stephan Lenzen

"Das Ziel ist ein Wir-Gefühl"

Die Musik der Beatles, 800 Kleingärtner und fliegende Erdbeeren – wie macht man daraus einen spannenden Park? Stephan Lenzen ist Chefplaner der Internationalen Gartenschau in Hamburg und einer der bekanntesten Landschaftsarchitekten Deutschlands.
Welt der Häfen
COUNTRY: Ihr Motto der Internationalen Gartenschau (IGS) in Hamburg-Wilhelmsburg heißt „In 80 Gärten um die Welt“. 15 dieser Gärten wurden in Ihrem Büro erdacht. Einer heißt „The Beat“ und inszeniert das berühmte „White Album“ der Beatles mit gärtnerischen Mitteln nach. Sind Sie ein Beatles-Fan? Stephan Lenzen: Dafür bin ich zu jung! Unser Motto bezieht sich auf die Matrix, die über dem Gelände liegt: die Reiseroute einer Schiffspassage, die sich aus der Form des Parks entwickelt hat. Hamburg ist das Tor zur Welt; der Stadtteil Wilhelmsburg eine Insel, von der aus die Passagen nach Amerika gingen. Der rote Faden sind die acht Themenbereiche, die sich als Passagen mit 80 Gärten durch das Gelände ziehen. Und Liverpool gehört dabei zur „Welt der Häfen“.
 
Stephan Lenzen

Stephan Lenzen, 46, lebt mit seiner Frau im Süden Kölns in einem Haus mit 2500 Quadratmeter Garten. Privat liebt er Pflanzen, solange sie nicht gelb sind.

Ein anderer Ihrer IGA-Gärten heisst „Fliegende Erdbeeren“ und thematisiert Anbauweisen im Obst- und Gemüsebau zwischen Schrebergarten und Industrie. Was erwartet die Besucher dort? Eine Gratwanderung zwischen idyllischer Hausgartenszenerie mit wilden Erdbeeren und landzehrender Agrarproduktion.
 
Nach einer erfolgreichen Bundesgartenschau in Koblenz ist die Hamburger IGS in jeder Beziehung eine Herausforderung: schwierige Bedingungen, Kritik vor und nach der Eröffnung, Besucherzahlen, die im kältesten Frühling seit Langem hinter den Erwartungen zurückblieben. Sind Sie etwas enttäuscht? Ach, diesen Spagat als Planer bin ich gewohnt. Fachlich steht man bei den Kollgen immer in der Krtik. Und bei jeder BUGA schlägt das Pendel in die eine oder andere Richtung: München stellte extreme Avantgarde dar, Schwerin und Koblenz waren eher klassisch. Hier in Hamburg gibt es sehr unterschiedliche Bereiche, da kann man einerseits schon mal übertreiben, aber natürlich gibt es auch den klassischen Heide- und Dahliengarten und einen Rosen-Boulevard.
 
Und starke Extreme: Zeitgenössische Kunst trifft auf Kleingärten, die integriert werden mussten. Obendrein rauscht eine Schnellstraße quer durchs Terrain. Die Heterogenität war das Hauptproblem. Auf 100 Hektar einen neuen Park zu schaffen, der besetzt war durch viele Relikte: Seen, Brachflächen, etliche kleine Biotope, ein alter Güterbahnhof und 800 Kleingärtner. Die Kleingärten sind für mich der Genius Loci Wilhelmsburgs. Sie gehören den Bürgern, für die dieser Park ja letztlich ist. Wir haben versucht, die Gärten und ihre Besitzer so weit wie möglich zu integrieren, einige mussten jedoch umziehen. Die haben uns nicht gerade mit offenen Armen empfangen, was ich nachvollziehen kann.
 
Und dann gab es auch noch harsche Kritik von Naturschützern, weil Sie Tausende von Bäumen fällen ließen.  Auch das begleitet uns bei jeder Gartenschau, weil zwangsläufig etwas verändert wird. Ich habe das anfangs sehr persönlich genommen. Man ist als Planer doch überzeugt, dass man für Mensch und Natur etwas Gutes tut. Ich will schließlich nicht als Kahlschläger, sondern als Baumpflanzer wahrgenommen werden. Aber wenn man Kulturbrachen besetzt, geht das nur, indem man Vegetation wegnimmt. Park steht für Kultur, also ist man teilweise gegen die Natur – der klassische Konflikt. Bei den Protestgruppen wurde der Baum zur politischen Metapher gegen die gleichzeitig stattfindende Internationale Bauausstellung: Angst vor Investoren und Gentrifizierung. Dass dieser Stadtteil, um den sich 40 Jahre keiner gekümmert hat, aus seinem Dilemma herausgeholt werden soll, hat die Gartenschau-Gegner nicht interessiert.
 
Ein Bereich ist die „Welt der Bewegung“ mit Hochseilgarten, Kletterhalle, Skater­bahn – wird das die Jugend der Stadt­ teils anlocken? Das ist ein wichtiger Bereich für die Zeit danach, Jugendliche brauchen Sport, um sich austoben zu können. Und während der IGS-Zeit langweilen sich Kinder, die mit ihren Eltern kommen, nicht. Wir haben schon jetzt unglaublich positive Resonanz von Familien.

Sie sind Hobby-Gärtner? Dann sind unsere Gartentipps genau das Richtige für Sie!
 
 
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Autor:
Christa Hasselhorst
Fotograf:
Claudia von Boch