Leben im Wohnwagen

Idylle auf sechs Rädern

„Wohlwagen“ – so taufte der Göttinger Lebenskünstler und Ingenieur Alex Borghorst sein Mobilheim, das jetzt in Serie geht. Der Clou: Man muss gar nicht verreisen – wer den rollenden Landsitz betritt, fühlt sich schon am Ziel.

Das werden die Dielen gar nicht witzig finden“, sagt Alex Borghorst. Er versucht dennoch, ein Ofenfeuer mit Spänen aus Kiefer zu entfachen – demselben Material, mit dem der Raum verkleidet ist. Alex Borghorst zweifelt, denn er denkt an Creutzfeldt-Jakob. Denn füttert man Rinder mit Tiermehl, werden sie krank – und sterben. Heißt das, dass sich womöglich auch Holzwände zur Wehr setzen, wenn sie mit derselben Sorte Brennholz erwärmt werden? Und tatsächlich: Es stinkt, qualmt, das Anzünden misslingt. Also räumt Alex Borghorst die Brennkammer aus, legt stattdessen eine entfernte Artverwandte ein, Birke, und schon züngeln wenig später die Flammen. „Ich wusste es, sorry, Zimmer!“, sagt er und freut sich, weil er nun offenbar bewiesen hat, dass Holz Charakterstärke besitzt – und zugleich über das kleine Schauspiel, das er gerade inszeniert hat. 

Als Agraringenieur und Möbeldesigner kennt er natürlich die wahre Ursache: den Härtegrad der Hölzer, weiche entzünden sich schneller.Aber warum nicht Poesie und Gedankenspielerei in den Alltag einbauen? Ist der nicht nüchtern genug? Der Raum, der schnell gemütlich warm wird, entstand aus dieser Lebenseinstellung:Alex Borghorst hat ein Märchenschloss gebaut – eine Mönchszelle, einen Abenteuerspielplatz. Er hat einen Kindheitstraum verwirklicht, inspiriert von den Zirkuswagen, die er als kleiner Junge sehnsüchtig und ehrfürchtig bewunderte. Ergebnis: der Wohlwagen.

Er steht seit Frühjahr 2008 unter einer 160 Jahre alten Esche in seinem Garten, einem sportplatzgroßen Brachland im Zentrum Göttingens. Ein Landsitz direkt vor der Haustür, ein Gästezimmer und Rückzugsort für seine Kinder Verena, 19, und Leo, 22, für Freunde und ihn selbst. Der Name vereint „Wohlfühlen“ und „Wohnwagen“. Aber das beschreibt das Holzhaus auf sechs Rädern etwa so anschaulich wie das Wort „Zierrabatte“ ein wogendes Blütenmeer.

Der Wohlwagen ist ein poetisches kleines Wunderwerk, ein Paradoxon der Bewegung: Man kann mit ihm gleichzeitig Reisen und Ankommen, er ist der Weg und – auch das Ziel. Die goldblonde Fassade will gestreichelt werden: Wie zarte Haut fühlen sich die 25 Millimeter starken, mit Leinöl getränkten Lärchendielen an. Die Bäume – wie auch die Kiefern für die Innenverkleidung – wurden in einem nachhaltig bewirtschafteten Forst am Rande des Erzgebirges gefällt. „Mein Tischler kommt aus der Region, er kennt die Stellen, wo die Stämme gewachsen sind, holt sie beim Förster ab, sägt sie zu und trocknet die Bretter in seiner Werkstatt“, erzählt Alex Borghorst. Holz aus Kahlschlägen und Massenware verwendet der Wohn-Philosoph prinzipiell nicht, „der Umwelt, der Qualität und der Seele der Bäume zuliebe“.