Interview mit Wildnispädagoge

„Feuer spiegelt uns“

Wenn die Flammen lodern, ist Wildnispädagoge Fridolin Baumgartinger in seinem Element. Ein Gespräch darüber, warum Feuer der Seele guttut.

Feuer

Wenn Fridolin Baumgartinger mit „seinen“ Kids in den Wald geht, lässt er sie erst einmal ein Feuer machen.

Das Element ist das zentrale Thema in seiner Arbeit als Wildnispädagoge – sowohl bei einem Waldkindergarten bei Bregenz, als auch für das Jongomero-Projekt der Natur- und Wildnisschule Corvus Bodensee. Es will Kindern, deren Geschwister gestorben sind, helfen, ihren Verlust zu verarbeiten. Über dieses Projekt hat Baumgartinger ein buntes Heft zusammengestellt, das neben einigen Rezepten und Gedanken über das Element Feuer auch vielfältige Anregungen für Spiele in der Wildnis enthält. Der Erlös kommt der Jongomero-Initiative zugute (zu beziehen über Corvus Bodensee, www.corvus-bodensee.de, 19,95 €)

Warum spielt das Feuer eine so wichtige Rolle? 

Fridolin Baumgartinger: Ein Feuer entsteht nur, wenn alle zusammenhelfen und jeder sich einbringt: Wir hätten kein Feuer ohne Holz, das muss erst einmal gesammelt werden. Und auch später haben alle zu tun: beim Herrichten der Feuerstelle, beim Aufschichten des Brennholzes, beim Anzünden. Bevor es Feuerzeuge gab, musste man mit Reibsteinen mühsam Funken erzeugen. Einer allein hätte deshalb nie ein Feuer zustande gebracht, es brauchte immer zwei oder drei, die mit anpackten. Feuer ist für uns eigentlich ungemein wichtig: Ohne Feuer kein heißes Essen, keine Wärme. In Zeiten von Induktionsherd und Fußbodenheizung geht uns dieser Bezug allerdings immer mehr verloren.

Trotzdem träumt jeder davon, am Lagerfeuer zu sitzen. Warum? Das Feuer verzaubert uns, es nimmt uns im Nu aus der Alltäglichkeit heraus. Und es holt uns gewissermaßen in unserer eigenen Stimmung ab. Wenn wir im Kreis ums Feuer sitzen, sind wir nicht gezwungen, uns zu unterhalten – was sehr wohl der Fall wäre, wenn wir ohne Feuer in einer Runde säßen. Jeder ist für sich, und doch geborgen in der Gemeinschaft. Wer sich danach fühlt, kann schweigend in die Flammen schauen, wer reden möchte, redet. Das Feuer ist wie ein Freiluft-Fernseher, nur bedeutend wohltuender und befreiender: Am Feuer sind wir ganz bei uns.

Ist Feuer immer gleich? Im Gegenteil: Feuer ist in jeder Sekunde anders. Das macht das Beobachten ja auch so interessant, dass man sich über Stunden hinweg hineinvertiefen kann. Und man kann im Feuer lesen, was die Menschen bewegt, die um die Feuerstelle herumsitzen: Ist die Stimmung eher etwas aufgewühlt, dann ist auch das Feuer turbulent und brennt rot; sind alle ruhig und in sich gekehrt, brennt auch das Feuer still vor sich hin, mit hellen, fast weißen Flammen. Das Feuer spiegelt uns.

Fridolin Baumgartinger

Fridolin Baumgartinger

Wenn Sie mit Jugendlichen arbeiten, besteht nicht die Gefahr, dass doch mal einer mit dem Feuer herumspielt? Wenn sie selbst die Feuerstelle vorbereitet und das Feuer gemacht haben, kaum – selbst die drei- bis sechsjährigen Kinder im Waldkindergarten machen schon allein Feuer, freilich unter Aufsicht. Wenn wir uns um ein Feuer bemühen, zu seinem Zustandekommen beitragen, werden wir mit dem Element schnell vertraut und lernen, damit wieder natürlich und selbstverständlich umzugehen. Das bedeutet zum einen Vertrauen in die eigenen Urinstinkte und zum anderen Respekt vor der Kraft der Natur.

Fridolin Baumgartinger arbeitete als Koch, bevor er Wildnispädagoge wurde. Sein „Jongomero“-Heft enthält leckere Rezepte, die aber einfach zuzubereiten sind.