„Tannöd“-Autorin Schenkel

Der lange Weg in die Unabhängigkeit

Der Bestseller „Tannöd“ entsprang ihrem Wunsch nach etwas Eigenem. Jetzt, mit 50, sieht sie sich am Ziel. Andrea Maria Schenkel über ihre wundersame Karriere von der Arztgattin zur Erfolgsautorin.

Andrea Maria Schenkel

COUNTRY: Als Ihr erstes Buch „Tannöd“ ein Bestseller wurde, waren alle sehr erstaunt. Sie waren Mitte 40 und vorher als Autorin nicht in Erscheinung getreten. Haben Sie aus dem Nichts angefangen zu schreiben? Andrea Maria Schenkel: Nein, mir hat das immer schon Spaß gemacht. Ich habe auch als Kind geschrieben. Und ich sehe an meinen Kindern, dass es weitergeht. Mein mittlerer Sohn verfasst Gedichte, was ich nie konnte.

Dann haben Sie vorher nur für sich geschrieben. Waren das Tagebücher? Nein, um Gottes Willen. das finde ich total uninteressant. In der Pubertät macht das jeder mal, ich also auch. Aber schon beim ersten Eintrag dachte ich: „Was soll ich jetzt eigentlich schreiben? Ist ja nix passiert.“ Eigentlich waren es immer schon Krimis.

Waren Sie in der Schule gut in Deutsch? Ich bin Linkshänderin, und als ich eingeschult wurde, bekam ich das Gutachten eines Neurologen, dass ei­ne Umschulung auf rechts kontraproduktiv wäre. damit war ich das erste Kind an einer Regensburger Schule, das mit links schreiben durfte. Die Lehrer hatten aber keine Erfahrung damit, ich musste mit Füller schreiben wie die Rechtshänder. Das ist kaum möglich, ohne die Tinte zu verwischen. Bei Diktaten war ich langsamer als die anderen. Ich habe einen Satz geschrieben und musste mir zwei merken. Wenn die anderen ihr Diktat noch mal durchgelesen haben, habe ich die Lücken aufgefüllt.

Vielleicht haben Sie da gelernt, Lücken zu lassen. Ihr Stil ist berühmt für die Leerstellen. Vielleicht. Ich habe nie eine bessere Note als einen Sechser im Diktat bekommen, zum Teil habe ich 48 Fehler gehabt. Das hat mich vollkommen verunsichert. Darum habe ich wohl bis zu meinem 40. Lebensjahr gebraucht, um einen Text, den ich geschrieben habe, jemandem zu zeigen. Ich hatte Angst, dass ich dastehe wie der große Vollidiot.

Waren Ihre Eltern ehrgeizig, was Ihren schulischen Erfolg betraf? Ich bin noch so erzogen worden, dass man als Mädel nicht studieren muss. Das habe ich als sehr unfair empfunden. Aber ich war so ein liebes braves Kind, dass ich mich nicht getraut habe, etwas dagegen zu sagen. Es hat nur in mir drin rumort.

Haben Sie gedacht, die Jungs haben es besser? Ja. ich habe gedacht, warum sollen Mädchen nicht einen Beruf lernen und unabhängig sein können. Aber ich habe es nicht gesagt. Es war für mich ein langer Weg von dem Gefühl, das ist jetzt eigentlich nicht in Ordnung, bis hin zu dem Aufschrei: „Das ist jetzt nicht in Ordnung!“ ich habe mein ganzes Leben dar­unter gelitten, dass ich kein Abitur machen durfte.

Sie durften nicht? Meine Mutter hat sich scheiden lassen, da war ich 14. Und sie dachte, je eher ich arbeite, desto besser. Dann musste sie meinen Vater nicht weiter nach Unterhalt fragen.

Was haben Sie gelernt? Ich war Beamtin auf der Post.

 

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