Gutshof Bliestorf wird soziale Stätte

Das Zukunftsdorf

Im norddeutschen Bliestorf gewinnen Baron und Baronin von Schröder der Tradition eine neue Dimension ab. Aus ihrem Gut wird ein Zukunftsdorf.

Ein kalter Nordostwind wirbelt die Blätter der Kastanienallee auf. Dicke Wattewolken ziehen vorbei – Ostseehimmel. Die Sonne lässt das stattliche weiße Herrenhaus von Gut Bliestorf bei Lübeck strahlen. „Vorsicht, nicht stolpern!“, ruft Baron Rudolph von Schröder und zeigt auf einen schwarzen Schlauch, der im Kies liegt. „Unsere Wasserleitung ist defekt. Irgendetwas gibt es hier immer zu reparieren.“ In der Eingangshalle brennt ein Kaminfeuer, davor aalen sich die beiden Jack- Russell-Terrier Paul und Hilli auf dem Fell eines Wildschweins. Der Freiherr hat es nicht geschossen, aber natürlich geht er zur Jagd.

„Dann kommt ausnahmsweise auch Fleisch auf den Tisch“, erzählt seine Frau Sabine, die als Yogalehrerin die ayurvedische Küche bevorzugt. Die Geweihe, die früher die Wände des Entrees schmückten, hat sie in die Garderobe verbannt: tote Tiere – ein schlechtes Feng Shui. Viele waren es eh nicht mehr. Die meisten hat Rudolph von Schröder schon vor Jahren aus dem elterlichen Gut mit nach München genommen. „24 Rotgeweihe passen in einen VW-Golf. Damit habe ich als Student mein Budget aufgebessert. Immerhin hat jedes Geweih so an die zwei- bis dreihundert Mark gebracht!“

Von Finanzen versteht der Freiherr etwas, schließlich stammt er aus einer Hamburger Bankiersfamilie. Als Betriebswirt war auch er für Banken tätig, bis er die Seite wechselte und Unternehmensberater und Persönlichkeitstrainer wurde. „Und dann bin ich Landwirt und werde es bleiben!“, betont er. Sein Urgroßvater kaufte Gut Bliestorf 1910 als Jagdresidenz. Das schottische Rotwild, das er im Wald des damals 800 Hektar großen Geländes aussetzt, sucht allerdings wegen mangelhafer Zäune bald das Weite. Bis 1962 nutzt die Familie das Haus als Sommersitz, dann siedelt sie ganz nach Bliestorf über.

Rudolph von Schröder blättert in einem alten Album und zeigt auf ein Luftbild: „Mein Schulweg führte vorbei an der Gärtnerei, den Arbeiterhäusern und bei ,Kaminski‘, dem Laden mit den Brausebonbons.“ Etwa 50 Menschen sind damals auf Gut Bliestorf beschäftigt. Heute gibt es einen Gärtner und eine Haushälterin. Es hat sich viel geändert.Teile des Gutes sollen verkauft werden.

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Autor:
Dagmar Steffen