Leben mit Eseln

Emil und seine Freunde

Sie haben ein freundliches Wesen, sind intelligent und mögen keinen Stress. Esel sind nichts für Eilige, man muss sie genießen. Für Familie Müller ist das Leben mit drei Langohren „absoluter Seelenbalsam“.

Emil flegelt. Schleicht sich an wie eine junge Katze, lauernd, neugierig, zu einem übermütigen Bocksprung bereit. Was macht diese komische Frau auf meiner Weide, scheint er zu denken. Und was soll das klickende Ding, das sie ständig auf mich richtet? Der Esel trägt ein kleines Stöckchen herbei, lässt es vor die Füße unserer Fotografin fallen. Dann galoppiert er bockend davon. Das ist eine Einladung zum Spiel. Und wer beim zweiten Mal noch immer nicht re­ agiert, der wird eben angestupst.

„So hatten wir das aber nicht geübt“, schimpft Iris Müller lachend. Während das Langohr einen abenteuerlichen Veitstanz aufführt, erklärt sie den Besuchern, wie die Rangordnung unter den vierbeinigen Familienmitgliedern aussieht. Auf ihrem Hof „Eselfreude“ in Timmersiekfeld bei Handewitt, einem kleinen Städtchen in Schleswig­-Holstein unweit von Flensburg, gibt es neben den Zwergeseln Emil, Anton und Pauline noch drei Katzen, zwei Ponys, vier Kaninchen und eine Hündin. Die wird, nachdem das Spiel mit der Kamera für Emil an Reiz verloren hat, quer über die Koppel gejagt und entkommt nur mit knapper Not unter dem Gatter in Richtung Obstgarten.

Mitten in der Esel-Pubertät

„Emil und Anton sind mit ihren vier und fünf Jahren mitten in der Esel-Pubertät“, sagt Iris Müller. „Da wird das er­ lernte gute Benehmen zwischendurch schon mal wieder vergessen.“ Sie erklärt, dass Esel das erste Lebensjahr liebe, folgsame Schmusetiere sind, um mit ungefähr 15 Monaten zu rebellierenden Teenagern zu mutieren. Kleine Frechheiten sind dann an der Tagesordnung. Man müsse ihnen, genau wie Kindern, in dieser Zeit mit viel Nachsicht, aber auch mit Strenge begegnen. „Bis zum Frühjahr ha­ben Emil und Anton noch wie junge Hunde zusammen gespielt“, erinnert sich Iris Müller, aber jetzt verhalte sich der große Bruder zunehmend vernünftiger.

Aus sicherer Entfernung beobachtet Anton Schulter an Schulter mit Ponystute Flocke und dem Shetland­-Schecken Billy, welchen Schabernack sein kleiner Bruder als nächstes treibt. Katzenbaby Miley ist an der Reihe und wird mitten in ihrem tapsigen Spiel vom Salzleckstein gen Hecke geschubst. Keine Frage, Emil ist hier der King der Koppel. Und er lässt keine Gelegenheit aus, das zu demonstrieren.

Ein Sprichwort unter Eselliebhabern lautet: „Ein Pferd gehorcht, ein Esel nimmt an einer erwünschten Handlung teil.“ Allerdings tut er dies nur nach sorgfältiger Abwägung aller Argumente. Wittert der Esel eine Gefahr, zieht er es vor, seine eigene Entscheidung zu treffen – im Zweifel auch gegen den Willen des Menschen. Das hat ihm den Ruf ein­ gebracht, störrisch, stur oder gar faul zu sein. Dabei hätte blinder Gehorsam für Esel in früheren Zeiten oftmals den Tod bedeutet.

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