Pflanzen

Vagabundierende Blumen

Jetzt sprießen sie wieder, wo sie wollen. Manche Pflanzen samen sich großzügig selbst aus und zwar an Orten, die nie für sie vorgesehen waren – und schaffen so immer neue, überraschend schöne Blumenbilder.

Gerade jetzt im Frühling finden wir sie überall im Garten: Teppi­che von Vergissmeinnicht, die ganz unversehens am Gehölzrand auftau­chen und ihn mit ihren azurblauen Blü­ten wie ein Stück Himmel auf Erden er­scheinen lassen; eine Kolonie von Akelei­ en, die es sich mitten im Gemüsebeet be­quem gemacht haben und ihre nickenden mauvefarbenen Blüten munter in der Sonne gaukeln lassen. Und natürlich die kleinen Duftveilchen, die sich unerklärli­cherweise die schmalen, erdigen Fugen zwischen den Terrassenplatten als neues Zuhause ausgesucht haben und selbst an diesem eher unwirtlichen Ort ganz offen­ sichtlich wunderbar gedeihen und ihren unnachahmlichen Duft verbreiten.

Wir betrachten diese überraschende Blütenpracht und fragen uns leicht verwundert: Wie ist die nur da hingekom­men? Wir wissen genau, wir selbst haben da nicht mitgewirkt. Eher schaut es so aus, als habe Flora, die Göttin der Blu­men, hier eine besonders leichte Hand gehabt und die Saat zu dieser überschäu­menden, knospenden, blühenden Vege­tation gelegt.
 
Pflanzen, die sich selbst aussamen, sind wie besonders eigenwillige Kinder: Bis­ weilen treiben sie uns zur Verzweiflung, aber im Grunde unseres Herzens lieben wir sie am meisten. Natürlich sind solche Gewächse, die machen, was sie wollen, und nach Gutdünken im Garten herum­ stromern, nichts für Leute, die auf penib­le Ordnung in den Beeten bedacht sind.
 
Man muss schon ein bisschen offen sein für diese floralen Vagabunden, sollte sich gern überraschen lassen und nichts dagegen einzuwenden haben, wenn die Natur dann und wann mitgärtnert. Denn auch wenn der Garten per definitionem ein kultiviertes Stück Land ist und keines­ falls Natur pur, so ist er dennoch natür­lichen Prozessen unterworfen. Und das Aussamen bestimmter Pflanzen, deren Nachkommen sich an immer wieder über­raschenden Winkeln einstellen, ist ein solcher Prozess.
 
Ein Prozess zudem, der vorzugsweise in naturnahen Anlagen ausdrücklich gewünscht wird, der aber durchaus auch formalen Gartenkonzepten gut zu Gesicht steht. Er lässt sie nicht ganz so streng erscheinen und verleiht ihnen eine liebenswerte Nonchalance. Denn es ist eine alte Erfahrung, dass Pflanzen dort, wo sie sich selbst aussamen, in der Regel prächtig gedeihen und in den meisten Fäl­len auch am schönsten wirken.
 

Die Natur gärtnert mit

 
Es sind vor allem ein­ und zweijährige Pflanzen wie Ringelblume Calendula officinalis und Löwenmäulchen Antirrhinum majus, Stockrose Alcea rosea und Fingerhut Digitalis, die zu den mobilsten Nomaden Floras zählen. Aber auch einige Stauden, etwa Frauenmantel Alchemilla mollis und Nachtviole Hesperis matronalis sowie eine Reihe von Zwiebel­blumen wie Blaustern Scilla sibirica und Puschkinie Puschkinia scilloides gehö­ren dazu.
 
Und auch wenn sie aus ganz unter­ schiedlichen Pflanzenfamilien stammen, eint all diese anspruchslosen Selbstläufer eines: Ihre vollendete Wirkung entfalten sie eher in gefällig geformten Massen denn als Solitär. Ein einzelnes Vergiss­meinnicht wirkt ebenso kläglich wie nur eine einzige Stockrose, und auch die Ake­lei entfaltet ihren ganzen Charme erst mit ihresgleichen in großen Gruppen. Zumal diese äußerst kreuzungswillige Staude auch noch für weitere Überraschungen gut ist. Ihr etwas liederliches Liebesleben bringt jedes Jahr zahllose Nachkommen in immer neuen Farbvariationen hervor. Sie vagabundieren aufs Schönste durch den ganzen Garten, und da sie nur sehr kurzlebig sind, verschwinden sie irgendwann wieder und machen neuen Abkömmlingen Platz.
 

Göttlicher Instinkt

 
Natürlich hat dieses Laisser-faire Grenzen. Wo die Vagabunden anderen Pflanzen Konkurrenz machen, müssen sie ausgerupft oder an einen anderen Platz gesetzt werden. Und auch wenn sie beim Mähen, Jäten und Hacken stören oder sich auf Wegen breitgemacht haben, sind sie fehl am Platze. Ansonsten ist es ratsam, nach dem Aufspüren der jungen Sämlinge erst einmal abzuwarten. So hielt es auch Vita Sackville-West. Zwei Besucher ihres berühmten Gartens in Sissinghurst hatten bemängelt, „dass ich die Dinge aufs Geratewohl wachsen und stehen lasse, wie und wo sie wollen, selbst wenn ich nie beabsichtigt hatte, sie dort zu pflanzen“, wie sie in ihrer Kolumne im „Observer“ schrieb. Die große Gärtnerin nahm den Tadel gleichmütig zur Kenntnis. Denn „manchmal verrät die Natur einen göttlichen Instinkt, ihre Pfleglinge am richtigen Platz anzusiedeln“.

 
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Autor:
Marion Lagoda