Das Gartenstiefmütterchen

Samtblümchen

Schau mir in die Augen, Kleines. Das Gartenstiefmütterchen gilt als Symbol der Bescheidenheit, dabei hat es echte Starqualitäten. Und ein Gesicht, das man nicht vergisst.

Frühlingsboten

Gerade noch schien eine Ahnung von Frühling in der Winterluft zu liegen. Ein Duft nach, ja, wonach nur? Nach Frische, jungem Gras und klarem Wasser.

Da beginnt es zu schneien. Wie Mehl aus einem großen Sieb fallen die Flocken aus dem perlmuttgrauen Himmel, verwischen die Konturen der Parklandschaft und verwandeln die Zweige in blütenartige weiße Rispen. Bald sind Terrassen und Böschungen, Beete und Treppenstufen kaum noch zu unterscheiden, dehnen sich zu großen, weißen Feldern. Erst nach einigen Tagen beginnt es zu tauen und unter den Schneeflächen, die einmal Beete waren, schimmert es grün, dann wird eine kleine, helle Blüte sichtbar: weiß und Blauviolett mit gelbem Auge – ein Gesicht mit Strahlenkranzwimpern und erstaunter Miene. Mädchenauge, Gedenkemein, Schöngesicht.

Dem frühen Gartenstiefmütterchen, das hier etwas zerzaust aus dem zugeschneiten Parkrondell blickt, ist die Verwandtschaft zu Viola tricolor, dem Wilden Stiefmütterchen, deutlich anzusehen. Das sei, sagt Jens Cortnummé, Betriebsleiter der Gärtnerei Alois Brandl in Ismaning, auch das Einzige, was man mit Sicherheit über die Elterngeneration der heutigen Gartenstiefmütterchen sagen könne. Von Kreuzungen mit dem gelben und dem Altai-Stiefmütterchen ist die Rede. „Aber“, winkt der Agrar-Ingenieur ab, „was darin sonst noch herumspukt – ganz genau weiß man es eben nicht.

Erste Blüte im Winterbeet

Allein die korrekte botanische Bezeichnung des Gartenstiefmütterchens ist eine Geschichte für sich. Der schwedische Botaniker Veit Brecher Wittrock beschrieb die Pflanze im Jahr 1896, gab ihr jedoch keinen Artnamen, wie dies bei Bastardformen, die durch Kreuzungen entstanden sind, üblich ist. Ihm zu Ehren prägte der Österreicher Helmut Gams 1925 dann die lateinische Bezeichnung Viola wittrockiana, versäumte aber eine korrekte Dokumentation, was erst 2007 Johannes Nauenburg vom Botanischen Garten in Rostock und seinem Kollegen Karl Peter Buttler aus Frankfurt gelang. Seither darf sich das Gartenstiefmütterchen nun mit dem etwas pompösen Namen Viola wittrockiana Gams Ex Nauenburg & Buttler schmücken. Dabei gilt es doch seit Jahrhunderten als Symbol der Bescheidenheit. Und als Pflanze von außergewöhnlicher Widerstandskraft und Langlebigkeit.

Nicht umsonst wird es in vielen öffentlichen Anlagen noch im Herbst ausgepflanzt, um in den kalten Monaten wenigstens einen Hauch Farbe in die kahlen Beete zu bringen. Dass es so manchen nicht allzu harschen Winter übersteht, in einigen Gegenden bereits im Februar blüht und selbst einem verspäteten Wintereinbruch trotzt, mag an der Einkreuzung des robusten Hornveilchens, Viola cornuta, liegen. „Seit etwa zehn Jahren“, erklärt Jens Cortnummé, der bei Brandl Kulturen mit 70 000 Pflanzen betreut, „haben die kleinblütigen Cornuta-Kreuzungen einen Siegeszug angetreten.“ Und das nicht zu unrecht, schließlich seien diese Pflanzen „widerstandsfähiger, verzweigter und bilden mehr, wenn auch kleinere Blüten aus“. „Außerdem“, fährt Cortnummé fort, „haben sie ein wirkliches Gesicht.“ Das typische Violengesicht nämlich.

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Simone Herrmann