Pflanzenkunde

Die Nelke

In der Vase feiert die Nelke schon seit Längerem ein Comeback. Als betörend duftende und vielseitige Gartenpflanze entdecken wir sie jetzt auch wieder neu fürs Beet.
Nelke
Eher zart als pompös, mit filigranem Laub und gefransten Blüten in einem etwas altmodischen Rosarot steht sie, prominent platziert, in einem Väschen auf dem Tisch vor dem jungen Danziger Kaufmann. Und auch wenn die Figur, um die es hier eigentlich geht, in aufwendiger Kleidung abgebildet ist und auch um sie herum einiges zu sehen ist, fällt der Blick doch geradewegs auf sie: die Nelke auf dem Portrait des Georg Gisze, gemalt von Hans Holbein dem Jüngeren im Jahr 1532. 
 
Gut möglich, dass bereits hier das Schicksal der Pflanze vorweggenommen wurde. Damals war sie kostbar und Statussymbol und oftmals auf Gemälden und Stichen von begüterten Kaufleuten und Adeligen zu sehen. Aber selbst als Beiwerk scheinen Nelken eine leichte Neigung zu verspüren, sich in den Vordergrund zu drängen. Das machte sie zur Modeblume, und wie das bei Moden nun mal so ist, war die Nelke im Laufe der Jahrhunderte mal up to date, mal tief verschmäht. Gerade haben wir sie wieder einmal neu entdeckt. Nicht so sehr für die Vase, obwohl sie auch hier im Zuge des Retrolooks wieder häufiger anzutreffen ist, sondern als zauberhafte und noch dazu betörend duftende Gartenpflanze.
 

Pointillistische Akzente von Nelken

 
Dazu muss man sagen: So ganz weg waren sie in den Beeten nie. Vor allem die staudigen Vertreter der Gattung hatten stets ihre Freunde. So schätzen Steingärtner seit jeher die zart duftenden, polsterbildenden Pfingst- und Federnelken, Dianthus gratianopolitanus und Dianthus plumarius, die schon im Mai mit roten, weißen und rosafarbenen Blüten bezaubern. In naturnahen Gärten setzen die purpurroten Blüten der Karthäusernelke, Dianthus carthusianorum, pointillistische Akzente. Die Heidenelke, Dianthus deltoides, wiederum entfaltet ihren Reiz – der Name sagt es schon – vor allem in Heidegärten, samt sich aber auch in Plattenfugen und anderen unwirtlichen Orten gern aus. Und kein Bauerngarten ist denkbar ohne den prächtigen und vielfältigen Flor der zweitjährigen Bartnelke, Dianthus barbatus. 
 
Wenn wir heute an Nelken denken, erscheinen vor dem inneren Auge aber vermutlich weniger diese recht spezialisierten Arten der großen Nelkenfamlie, sondern die Varietäten, die im Deutschen unter dem etwas unbestimmten Begriff „Gartennelke“ zusammengefasst werden. Ihr botanischer Name lautet Dianthus caryophyllus, und er vereint eine ganze Reihe zum Teil recht unterschiedlich aussehender Sorten. Es gibt ein- und zweijährige Gartennelken, manche Formen haben einfache, manche gefüllte Blüten, einige wachsen straff aufrecht, andere wiederum zeichnen sich als Hängepflanzen für Balkonkästen und Ampeln aus. Die Farbskala reicht von Weiß über Gelb und Rot bis hin zu Rosa, Violett und dunklem Purpur. Oft sind sie auch zwei- oder mehrfarbig. Zu verdanken haben sie diesen Farben- und Formenreichtum ihrer Neigung zum Hybridisieren, die im Übrigen allen Nelken eigen ist, bei der Gartennelke aber verstärkt zum Tragen kommt.

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Dieser Gruppe entstammt auch die Nelke auf dem Holbein-Bild, das ebenso wie Werke anderer alter Meister Aufschluss über die Entwicklung der Gartennelken gibt. So existierten zu Holbeins Zeiten bereits gefüllte Formen, während auf Gemälden aus dem 15. Jahrhundert nur einfache Nelkenblüten zu sehen sind. In den folgenden Jahrhunderten kamen immer mehr Sorten hinzu, und die Nelkenzucht wurde derart passioniert betrieben, dass man gegen Ende des 18. Jahrhunderts sogar von „Dianthomanie“ sprach, ähnlich der „Tulpomanie“ zu Beginn des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden, allerdings ohne deren verheerende volkswirtschaftliche Folgen.
 
Die unzähligen Kreuzungen, die damals entstanden, machten die Einordnung der Sorten bisweilen schwierig. So wird etwa die aus dem Jahr 1868 stammende, berühmte englische Sorte ‘Mrs Sinkins’ mal als Gartennelke, mal als Federnelke und mal als Pfingstnelke geführt. Mit ihren schneeweißen Blüten zierte sie schon den Weißen Garten von Sissinghurst Castle. Eindeutiger als Gartennelken erkennbar sind dagegen ‘Picotee Fantasy’ mit rosafarbenen, rot gestreiften und gefleckten Blüten oder die historische blutrot blühende Sorte ‘Fenbow’s Nutmeg Clove’, die im 17. Jahrhundert zum Würzen von Wein beliebt war. Aber auch die langstieligen Diven mit den großen, vielfach gerüschten Blüten, ohne die in den 50er- und 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts kaum ein Blumenstrauß auskam, gelten als Gartennelken.
 
Allen gemein sind die leicht bis stark gezähnten Blütenblätter und der charakteristische würzige Duft; ein Duft, den sich Nelken im Übrigen mit den Früchten des Gewürznelkenbaums teilen, was beiden in der – in diesem Falle nicht sehr differenzierten – deutschen Sprache auch gleich denselben Namen einbrachte. Dabei könnten die Pflanzen unterschiedlicher nicht sein. Der Gewürznelkenbaum, botanisch Caryophyllus aromaticus, ist ein Myrtengewächs und auf den Molukken, einer indonesischen Inselgruppe, zu Hause. Wie kam es, dass der deutsche Sprachgebrauch beide über einen Wortkamm scherte? Als die Gartennelken während der Renaissance nach Deutschland kamen, gab man ihnen wegen ihres gewürznelkenähnlichen Duftes den Namen „Näglein-Blume“. Näglein, das waren die hierzulande seit dem Mittelalter bekannten getrockneten Blütenknospen des Gewürznelkenbaums, die in der Tat an kleine Nägel erinnern. Der Name „Näglein-Blume“ entwickelt sich dann später zu „Neglein“ und schließlich zu „Nelken“.

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Autor:
Marion Lagoda