Alte Rosen

Im Namen der Rose

Sie wurden nach Monarchen und Mätressen benannt, erzählen von Geschichten in Serails und Palästen und betören mit dem Duft der Vergangenheit: die sogenannten Alten Rosen. 

Alte Rosen

Ihre karmesinrote Blüte überzieht ein violetter Schimmer, und die Staubgefäße funkeln goldgelb. ‘La Belle Sultane’, eine Gallica-Rosenzüchtung des späten 18. Jahrhunderts, wirkt so betörend, wie ihr Vorbild gewesen sein muss: Aimée Dubucq de Rivery. Die französische Adlige geriet während einer Schiffspassage nach Martinique zuerst in einen Sturm und dann in Gefangenschaft des Sultans von Konstantinopel. Dort lebte sie in seinem Topkapi-Serail, bis der Herrscher sie zu seiner Favoritin wählte. Als ihr Sohn Mahmud II. 1808 den Thron bestieg, wurde aus der Gefangenen die mächtigste Frau des Landes. Ein großes Schicksal, verborgen in einer kleinen Rose.

Nostalgische Aura 

Davon hat der Gärtner Ralf Berster aus dem hessischen Örtchen Karben viele auf Lager – Rosen ebenso wie Geschichten. 5000 Quadratmeter misst sein bekannter „Rosenhang“, und im Juni blühen hier mehr als 600 Sorten. Besonders angetan haben es ihm die sogenannten Alten Rosen. Das sind die Strauchschönheiten, die vor 1867 gezüchtet wurden, dem Wendepunkt in der Rosengeschichte. Denn in diesem Jahr kreierte der französische Züchter Jean-Baptiste Guillot jr. eine Kreuzung aus Remontant-Hybride und Teerose, die den Beginn der Ära der „Modernen Rosen“ markiert: mit hochgebauten Blütenformen und geraden Stielen.

„Aber es sind vor allem die Alten Rosen, mit denen sich unglaubliche Lebensläufe verbinden“, sagt Ralf Berster, der dem Zauber ihrer nostalgischen Aura verfallen ist. „Man lernt die erstaunlichsten Hintergründe kennen. Da steckt Weltgeschichte drin.“ Ihre Namen erinnern an Mätressen und Monarchen, Kleriker und Künstler, besessene Züchter und Sammler. Die purpurviolette ‘Cardinal de Richelieu’ zum Beispiel gedenkt der „roten Eminenz“ König Ludwigs XIII. Und ‘Adélaïde d’Orléans’ setzt der Schwester des Herzogs von Orléans ein Denkmal. „Außerdem klingen diese Namen viel wohllautender als zum Beispiel ‚Aspirin‘“, spottet Ralf Berster liebevoll über eine moderne Rosen-Novität und zählt weitere Vorzüge der Alten Rosen auf: „Die Anmut ihrer Blüten, die changierenden Farbverläufe und dann dieses Bouquet!“

Die erste Rose, die nicht nur den Titel einer Person trug, sondern ihren tatsächlichen Namen, war ‘Impératrice Joséphine’, eine kirschrote Gallica mit außerordentlichem Duft. Sie entstand vor 1815, noch zu Lebzeiten der Gattin Napoleons. „Rosenverrückte“ nennt Berster die Regentin, deren Garten in Malmaison bei Paris zur impulsgebenden Inspiration avancierte und in hauchzarten Pastellporträts von dem Maler Pierre-Joseph Redouté verewigt wurde. Mehrere Tausend Rosensträucher mit rund 250 Sorten hatte Joséphine damals zusammentragen lassen, darunter auch die Moosrose ‘Andrewsii’ und die kostbare ‘Schwefelgelbe Rose’, eine dicht gefüllte Rarität, die von dem Botaniker Clusius Ende des 16. Jahrhunderts aus Konstantinopel nach Wien gebracht wurde. Sie war bis Anfang des 19. Jahrhunderts die einzige gefüllte gelbe Rose im Garten.

Auch Ralf Berster besaß diesen besonderen Schatz, aber leider nicht sehr lange: „Sie hat den Löffel abgegeben“, bedauert er. „Denn die ‘Schwefel- gelbe Rose’ stammt aus dem türkisch-kurdischen Raum und ist deshalb etwas frostempfindlich.“ Die Moosrose ‘Andrewsii’ hingegen gedeiht in seinem Garten ganz prächtig.

Schlagworte:
Autor:
Christa Hasselhorst