Porträt des Gärtners Ewald Hügin

"Mit Pflanzen muss man richtig klotzen

Er liebt Exoten – je üppiger, desto besser –, schreckt aber auch vor Petunien nicht zurück. Sein spezieller Pflanzen-Mix hat den eigensinnigen Gärtner aus Freiburg berühmt gemacht.
Außergewöhlicher Pflanzenreichtum

Womit er eine ähnlich prätentiöse Art von Understatement betreibt wie der Reiche, der aus seiner Villa in ein schlichtes Heim zieht und sich mit einfachen Stühlen begnügt. Allerdings in eines vom Meisterarchitekten gebaut; und die Stühle sind bestes Schweizer Design. Ewald Hügin pflanzt natürlich nicht die dicken Petunien und drallen Fleißigen Lieschen, die palettenweise in den Gartenabteilungen der Baumärkte zu haben sind. Er schwärmt von der duftenden Petunia nyctaginiflora, einer Wildart aus Argentinien, und rühmt die Fleißigen Lieschen, Impatiens: Die Neuguinea-Formen sind anders als die bekannten Arten von hohem und verschwenderischem Wuchs, „aber leider kaum zu bekommen“. Und er ist „angefressen vonWeihrauch“, liebt über alle Maßen Plectranthus in all den „sträflich vernachlässigten Arten“: hängend, stehend, mit Punkten auf den Stielen – aufs Verschiedenste duftend.

Seinen außergewöhlichen Pflanzenreichtum verdankt Ewald Hügin harter Arbeit, großer Kenntnis und vor allem sturer Zielstrebigkeit. Beispiel: Euphorbia corollata, neben all den gelb und orange blühenden eine Wolfsmilch mit weißen Hochblättern. Hügin hatte sie in einem Fachbuch entdeckt und jahrelang „nicht Ruhe gegeben, bis ich die hatte“. Er nennt sie Schleierwolfsmilch. Der „irrsinnig schöne Busch“ stammt aus der nordamerikanischen Steppe. „Präriestauden sind ja gerade schrecklich ,in‘.“ Was seine Freude ein wenig schmälert. Denn eigentlich findet Ewald Hügin es langweilig,Trends vorzuführen. Er will selber finden, bekannt machen und in immer neuen Kombinationen ausprobieren. „Dieses Jahr hab ich mit Rot geübt. Blaustichiges Karminrot, gelbes Scharlachrot, die beiden kriegt man nicht zusammen. Ich hab sie mit Grüntönen getrennt.“ Zwischen Amaranth und feuerroter Salbei splendens wächst Kochia scorparia, die Sommerzypresse, zart und ganzjährig maigrün. Außerdem einjähriges Pennisetum, der Scheinhanf. Das ist Hügins Handschrift: „viel Laub, kaum Blühendes, dann immer Gräser rein“, dazu kommt „üben, üben, üben“.

„Wenig nutzt nix, mit Pflanzen muss man richtig klotzen.“

Den neuesten Kick hat ihm die Reise nach Südafrika gegeben, die er letzten Winter unternommen hat.Von Kapstadt über Durban nach Johannesburg: die Gardenroute. Urwald, Gebirge, Savanne. Da hat er die „Restios“, entdeckt, Kurzform für Restionaceen, Pflanzen in der Ordnung der Süßgrasartigen. Besonders hat es ihm Elegia capensis angetan, eine architektonische Pflanze, die wie großer Schachtelhalm aussieht. Besonderheit: Elegia keimt nach Buschbränden,„wenn alles richtig abgekokelt ist“. Die Pflanze braucht den Rauch.Ausgebuffte Gärtner geben ihn ihr:„Smoke instant“ heißt ein Fließpapier, das nach Rauch riecht.Auf ihm quillt, in Wasser gelegt, der Samen und treibt.Ewald Hügin hat es probiert und etliche „Versucherle“ produziert.

Zu schön, so Hügin,wenn etwas von der spielerischen Freude auf die Kunden abfärbte.Viele von ihnen hat er bereits erzogen oder „gezogen“, wie er es ausdrückt. Auf fünfhundert beziffert er seine treuen Kunden, und für einige von ihnen hat er „Gartenplanung ins Sortiment aufgenommen“. Doch es ist auch schon vorgekommen, dass er Aufträge abgelehnt hat,wenn sie ihm nicht passten, nicht konsequent genug erschienen – so anspruchsvoll wie seinen Pflanzen begegnet er auch seinen Kunden. Ewald Hügin hat eine Mission: Wer wie er das Großzügige und Unkonventionelle liebt, das Üppige und Verwegene, „der muss auch klotzen“, sagt er: „Wenig nutzt nix.“

 

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Autor:
Elke von Radziewsky