Porträt des Gärtners Ewald Hügin

Gärtner und Querdenker

Er liebt Exoten – je üppiger, desto besser –, schreckt aber auch vor Petunien nicht zurück. Sein spezieller Pflanzen-Mix hat den eigensinnigen Gärtner aus Freiburg berühmt gemacht.

 

„Farbkombinationen ausdenken und dann üben, üben, üben!“

„Stellen Sie sich doch mal eine Nacht nackt nach draußen“, empfiehlt Ewald Hügin Kundinnen, die bereits im März beharrlich nach Balkonblumen fragen, „dann merken Sie, wie Sie frieren – und Pflanzen leiden wie Sie.“ Der Gärtner hat sich einen Ruf als Querkopf erarbeitet. Keine Frühjahrsblumen zur Unzeit: „Ich bin gegen dieses Gierige, dieses zu jeder Zeit Alles-haben- Wollende.“ Kein Versand: „Die Leute sollen zu mir kommen.“ Keine Sortimentstreue: „Jedes Jahr das Gleiche ödet mich an.“ Seit zwanzig Jahren gärtnert Ewald Hügin in Freiburg, dreißig Kilometer von der französischen Grenze entfernt.Wer ihn sucht, muss an den nördlichen Rand der Stadt, nach Zähringen fahren.

Auf den ersten Blick würde man hier nicht gerade das Pflanzenlabor eines Nonkonformisten vermuten: Feierabendverkehr rollt auf der Durchgangsstraße, eine Straßenbahn bimmelt sich den Weg frei. Ruinen einer Tankstelle sind zu sehen, das Bürgerhaus, Sportplätze. Etwas nach hinten gerückt liegt die Gärtnerei. Ein dicker grüner Pflanzenpelz überzieht Stecken, Anbauten, den schedderigen Zaun. Am Maschendraht turnt Mandevilla suaveolens mit heftig nach Vanille duftenden Blüten. Nicht gerade ein Allerweltsgewächs. In der krakeligen Fichte wächst eine Passionsblume, in der Nordmannstanne Cobaea pringlei mit cremeweißen Glocken und bis zu zehn Meter langen Ranken. Kenner sehen: Hier wirkt einer jener seltenen Spezialisten, die in der Botanik der ganzen Welt zu Hause sind, ausgestattet mit einem unersättlichen Spieltrieb. „Bei uns wird alles berankt,was hässlich ist“, sagt dazu Ewald Hügin lakonisch.

Das Gelände ist übersichtlich. Eine Hälfte nehmen die Verkaufsquartiere ein, die andere zwei Gewächshäuser und der Schaugarten. Es gibt allerhand Schuppen, große und kleine, noch vom Vorgänger. 1988 hat Ewald Hügin die alteingesessene Friedhofsgärtnerei mit dem Ziel gepachtet, weder Pflanzenfabrik noch Gartencenter zu führen, sondern eine richtige Gärtnerei. Spezialität: einjährige Sommerblumen. Mit großer Vorliebe Pflanzen, die verrufen sind wie Petunien zum Beispiel. Oder Zyperngras. Oder Buntnessel, Coleus – „da bin ich ein Fan von“. Je altmodischer eine Pflanzenfamilie, je verpönter sie ist, desto spannender wird sie für ihn. „Meinetwegen kann es so richtig vulgär und wild zugehen.“

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Autor:
Elke von Radziewsky