Gartenpraxis

Frühling im Schattengarten

Eine Waldecke, ein Haselnussgebüsch, ein kleiner Hain mit Kornelkirschen oder Felsenbirnen: der ideale Ort, jetzt einige der schönsten Frühlingsgewächse zu ziehen. Schon ihre ersten Knospen bringen Aufregung in den noch winterkahlen Garten.

Grüne Blattröllchen schieben sich aus der krümeligen Lauberde. Sie balancieren auf rosigen Stängeln: zierliche Ladestöcke, die - als handle es sich um Kugeln - milchweiße Knospen durch den schmalen Lauf drücken. Die Blutwurz, Sanguinaria canadensis, wächst in kleinen Horsten. Zehn, zwölf Triebe sprießen gleichzeitig. Das Knospenladen wirkt daher wie der dramaturgische Einfall eines botanischen Theaterregisseurs. Ein Sketch, denn das Aufregendste ist vorbei, wenn sich die Blätter ausbreiten und die Blüten öffnen. Drei Tage, länger halten sie sich nicht.

Waldblumen haben es eilig. Sie müssen geblüht haben, bevor sich das Laubdach über ihnen schließt. Schon deshalb stellen sie die ersten Frühjahrsblüher. Zu ihnen gehören die strammen Christrosen und Nieswurze, die zarten Buschwindröschen und nickenden Salomonssiegel und eine Vielzahl von Raritäten: Hundszahn und Trillium, der blaue Mohn, Meconopsis, Zahnwurz, seltene Elfenblumen und der Germer, eine gut zwei Meter hohe Staude, die zwar erst im Juli blüht, aber im April, und das ist ihre eigentliche Sensation, unvergleichliche plissierte Blätter treibt.

Die Natur liefert das Vorbild. Matten aus Bärlauch oder Waldmeister, hier und da gemischt mit Buschwindröschen, bedecken zwischen März und Mai den Boden im Buchenwald mit einem Schaummeer aus weißen Blüten. In Eichenwäldern wachsen Maiglöckchen und Engelsüß, unter Eschen blüht der Diptam. Bodenbeschaffenheit und Klima bestimmen die Pflanzengemeinschaften, die sich bilden. Das rote Waldvögelein, eine Wildorchidee, wächst zwischen Kleinseggen: ein Traumpaar, das Gärtner anstachelt, auch wenn sie es nicht nachpflanzen können, die Voraussetzungen – trockene nach Norden gewandte Buchenhänge – sind zu speziell. Doch das Vorbild zählt, denn es lässt sich mit anderen Pflanzen nachstellen.

Man braucht keinen Wald, um Waldblumen zu ziehen. Schön,wenn man Stiel- oder Traubeneichen hat.Aber auch Haselnusssträucher,Weißdorne, etwa Crategus lavalii, oder die wunderbare, skurrile Mispel bieten die Voraussetzungen für ein Waldblumenbeet. Nicht zu groß für durchschnittliche Hausgärten sind ebenfalls Felsenbirnen, der eisenharte Amberbaum, die Blütenhartriegel, Cercidiphyllum und kleinblättrige Magnolien, Magnolia stellata oder denudata. Bäume mit großen Blättern eignen sich nicht. Der Laubteppich wird zu schwer, durch den die Frühlingsblüher hindurchmüssen.

Entdecken Sie außerdem: Schöne Schattengewächse für Ihren Garten

 

Seite 1: Frühling im Schattengarten
Schlagworte:
Quelle:
Autor:
Elke von Radziewsky