Die bäuerliche Schönheit

Die Primel

Mit Puder bestäubt, von Gold gesäumt, zu Pompons und Kandelabern geformt: Primeln stecken voll überraschender Talente – und sind unter den Ersten, die Farbe ins Frühjahr bringen.

Die Primel

Hatte Petrus seinen Schlüssel verloren oder war er dem himmlischen Vater selbst entglitten? Hatte es sich nur um einen einzelnen Schlüssel gehandelt oder war denen da oben ein ganzer Schlüsselbund abhanden gekommen? Jeder erzählt das Missgeschick ein bisschen anders. Doch das Ende der Geschichte ist immer gleich: Höheres Pech wandelt sich unten auf der Erde zum Geschenk. Aus dem verlorenen Schlüssel ist auf Wiesen, in Wäldern, auch in meinem Garten eine Blume geworden: das Himmelschlüsselchen. Ende März leuchtet es gelb vor den dunklen Koniferen.

Neuerdings stehen einzelne in den Steinen am Rand der Terrasse, da wo die Wiese anfängt. Der Zufall hat Samen der Primula veris an eine Stelle gebracht, wo ich sie hätte nicht besser platzieren können. Anders die Waldschlüsselblume, Primula elatior. Ich fand sie dieses Jahr unter der Buche, rings um die Kinderschaukel. War das ein Zufall oder ein Zeichen himmlischer Schusseligkeit? Ich habe korrigiert und sie an einen besseren, sicheren Ort gebracht. In der Hoffnung, dass sie sich halten und vermehren.

Das Himmelschlüsselchen gehört zur Familie der Erstlinge, der Primulaceae. Oder auf der nächst tiefer gelegenen Stufe in der botanischen Hierarchie zur großen Gattung der Primula. Dort ist alles beisammen, was wenigstens im Ansatz einen walzenförmigen Wurzelstock hat, dazu grundständige, Rosetten bildende Laubblätter, die gestielt oder sitzend, ungeteilt oder gelappt sein können. Der Blütenstand ist meist doldig oder kopfförmig, selten traubig oder wie eine Ähre, manchmal direkt am Wurzelstock entspringend.Vielgestaltig Griffel, Narben und Staubgefäße. Der Blütenkelch ist wie ein Trichter, eine Glocke oder eine Röhre geformt. Die wiederum öffnet sich in eine trichter- oder stieltellerartige Krone mit ganzrandigen oder zweispaltigen Lappen.

Das was der Botaniker in seiner Sprache Lappen nennt, die Blütenblätter, ist für uns zum vielfarbigen Frühlingsfest hochgezüchtet worden. Schon zur Weihnachtszeit trifft die erste Lieferung ein. So viel vorauseilender Frühling war nie. Die Kissenprimel-Hybriden bieten auf einen Streich alle Farben des Blütensommers. Sollte eine Farbe fehlen, wird sie im nächsten Jahr auf dem Markt sein. Oder der Zauber hat sich erledigt, und der Pflanzenfreund verliebt sich in eine andere Blume. Das geschieht nicht selten. Manchmal dauert das Vergessen zweihundert Jahre.

 

 

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Helga Schütz