Chrysantheme

Die Goldblume

Wenn nichts mehr blüht, dann entfacht die Chrysantheme das letzte Farbenfeuerwerk im Garten. Eine Blume, die es von einer chinesischen Bergwiese auf den japanischen Kaiserthron geschafft hat und selbst den grauen Monaten bunte Tage abgewinnt.

Draußen ist es Herbst geworden, Blätter liegen braun im feuchten Gras, es riecht nach Erde und überreifen Äpfeln. Die Tage voll Licht und fliegenschläfriger Wärme werden dunkler, füllen sich mit Regenwolken und Melancholie, und in manchen Nächten friert es. In den Gärten sind Dahlien und Sommerastern verblüht, Zinnien knistern schon wie Strohblumen, der Nebel, weiß, rosig blass, violett oder bernsteinfarben, steigt aus den Tälern, hängt wie Spinnweben über den Flüssen und hüllt die Wälder in graues Dämmerlicht.

„Fröstelnd geht die Zeit spazieren“, schreibt Erich Kästner über den Oktober. „Was vorüber schien, beginnt. Chrysanthemen blüh’n und frieren. Und du folgst ihr wie ein Kind.“ Ja, die Chrysanthemen blühen, während die Natur in dieser Zeit außer ein paar Gräsern nur noch kahle Stängel und vertrocknetes Laub zu bieten hat. Was vorüber schien, beginnt …

Auf Berghängen zu Hause

In Asien wird die Chrysantheme seit 2500 Jahren als Sinnbild der Unsterblichkeit verehrt, und auch in Europa, wo sie zu Allerheiligen in Weiß oder Gelb die Gräber schmückt, gilt sie als Symbol des ewigen Neubeginns. Sie stammt aus dem chinesischen Bergland. Ein rauer Wind streicht dort über die Hänge, wo die kleine gelbe Blume mit dem starken Rosinengeruch wächst. Wenig hat dieses zähe, margeritenartige Pflänzchen aus der Familie der Korbblütler noch mit den kunstvoll gezüchteten, gefüllten, stern- oder anemonenblütigen, ball-, strahlen-, ranunkel- oder pomponartigen Gartenchrysanthemen von heute gemein.

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Autor:
Simone Herrmann